Absurdistan, zweite Runde

Dass ich seit geraumer Zeit damit beschäftigt bin, einiges für meine Mutter zu regeln, darüber hatte ich bereits Mitte August geschrieben. Mittlerweile haben wir Ende September; trotz mehrfacher Zusagen, Telefonwarteschleifen, eröffneten »Tickets« der Hotline, Warten am Briefkasten auf Post zur Freischaltung digitaler Postfächer, mehreren Zornausbrüchen und Eisenstemmen im Gym zum Abreagieren hat sich allen Ernstes nichts Wesentliches getan. Immerhin flatterte rund acht Wochen nach Anforderung und nach mehrfachem Nachfragen via Hotline dann mal ein Freischaltcode für das Kundenportal ins Haus.

Die heutige Telefonschleife galt dann den immer noch ausstehenden, wichtigen Unterlagen: 30 Seiten Gutachten der Pflegekasse meiner Mutter sind bislang weder per Post noch Fax eingetroffen. Dabei ist dieses Gutachten zur Abstimmung diverser Regelungen zwingend nötig; die Zusammenfassung bzw. erste Seite via Fax habe ich jetzt in exakt 45facher Ausfertigung. Leider völlig nutzlos, für die Regelungen ist das komplette Gutachten erforderlich. Umso interessanter war das heutige Telefonat. Die überaus freundliche Mitarbeiterin der Hotline versicherte mir zunächst ihr vollstes Verständnis für die Ungehaltenheit (für die ich mich ausdrücklich entschuldigte – als x-te Ansprechparter*in kann sie auch nichts für den ganzen Schlamassel, den ihr Arbeitgeber nicht geregelt bekommt). Die üblichen Fragen nach Vollmachten waren inbegriffen, meine schon gewohnten Hinweise auf das Vorliegen originalschriftlicher Vollmachten ebenso, den Sachverhalt kann ich mittlerweile sturzbetrunken, bekifft, komplett weggetreten im Tiefschlaf erklären: Rund 20 Telefonate und ein paar Mails sind reichlich Übung dafür.

Immerhin konnte die Mitarbeitende des Hauses dann sehen: Hurra, das elektronische Postfach im Kundenportal funktioniert. Ich dürfe es halt nur  nicht nutzen, weil – genau, das dürfe nur meine Mutter. Hallo? Ich bin bevollmächtigt, die Vollmacht liegt vor! »Das darf nur die versicherte Person nutzen.« Wie bitte? Die versicherte Person besitzt keinen Computer. »Dann muss Ihre Mutter mit ihrem Smartphone….« Nein. Hatten wir schon mehrfach: Meine Mutter besitzt kein Smartphone. »Ja aber viele Senior*innen…..« Nein. Nicht meine Mutter. »Ist Ihre Mutter von Ihnen betreut wegen Demenz?« Nein. Meine Mutter hat null technisches Verständnis – und darüber hinaus altersbedingte Augenprobleme, die eine Nutzung digitaler Endgeräte unmöglich machen. »Ach so. Trotzdem dürfen Sie das Kundenportal nicht nutzen.« Wie bitte? Das erspart Ihnen, meiner Mutter und mir einen Haufen Stress! Könnten Sie das Gutachten dann bitte in das elektronische Postfach einstellen? »Das macht eine andere Abteilung, dafür bin ich nicht zuständig.« Verbinden Sie mich bitte weiter. »Moment bitte. Wenn Sie eventuell aus der Leitung fliegen, müssten Sie bitte nochmal anrufen.« (WTF???)

Glücklicherweise bin ich dann nicht aus der Leitung geflogen; die freundliche Mitarbeiterin sicherte mir dann nach meinem Hinweis auf allerhand unerledigte Nachrichten an ihren Arbeitgeber (auch im Kundenportal/elektronischem Postfach ersichtlich, was sie dankenswerter Weise bestätigte) einen zeitnahen Rückruf zur Klärung der Angelegenheit zu. Obwohl ich das Kundenportal nicht nutzen dürfe. Ich erinnerte nochmal an die vorliegende Vollmacht und die Einwilligung meiner Mutter, dass ich an meinem Rechner ihr Kundenportal aufrufen dürfe. »Ja dann ist das halt eine Absprache zwischen Ihnen und Ihrer Mutter. Trotzdem dürfen Sie nicht ….« Den Hinweis, dass ich heute und morgen in diversen Meetings mit Kunden sitze und so gut wie nicht telefonisch erreichbar bin, nahm die Dame zur Kenntnis. »Ja dann müssen Sie halt mal ans Telefon gehen, wenn Sie den Rückruf von uns kriegen!« Nein. Muss ich nicht, schon gar nicht in Kundengesprächen und wenn ich gerade von und mit Kunden im Einsatz bin – bitte vermerken Sie das doch einfach in der Rückruf-Anforderung: Übermorgen Office-Tag, da bin ich bestens erreichbar. »Ja, kann ich machen. Ich weiß nur nicht, ob die Kollegen sich daran halten.« (Ah ja, ernsthaft jetzt?)

Alles in allem bin ich mit den diversen Stellen, die das Gutachten benötigen, um tätig werden zu können, seit mittlerweile zwei Monaten im freundlichen Dauergespräch; glücklicherweise ist den Ansprechpartner*innen dort die geschilderte Misere nur allzu bekannt, weswegen ich dort auf großes Verständnis stoße. Auf meiner Seite des Schreibtisches liegt das Bemühen um menschenwürdige, gebotene Unterstützung für meine Mutter mittlerweile irgendwo zwischen vertrösten, besänftigen,  »Scheiße« brüllen Anfällen von lautstarkem Tourrette . Und ich gebe unumwunden zu, dass selbst ich als relativ grob gerasterter Mensch, krisenerprobte Journalistin und Fotografin bisweilen nur noch hilflos heulend auf dem Sofa sitze ob soviel Ignoranz, Mühsamkeit und Generve. Es verschlingt Lebens- und Arbeitszeit ohne Ende, sich durch dieses komplette Desaster durchzuschlagen; Zeit, die bei mir zu sehr langen Arbeitstagen, zu durchgearbeiteten Wochenenden, häufigem Verzicht auf privates Vergnügen, Sport, Entspannung und leider auch zu gelegentlichem Verzicht auf Aufträge und Honorare nebst einiger Erschöpfung führt. (Mama, das bist Du mir wert. Aus Gründen. <3 )

In den letzten Tagen flammt die Diskussion um die Reform der Pflegeversicherung wieder auf. Unsäglichkeiten reihen sich aneinander, Kanzlerworte von »Teilzeit ist Lifestyle« und »die Deutschen sind faul« sind mir ebenso im Ohr wie die Mimimi-Erzählung Merzsche Anmerkung, er sei mit betagten Eltern gesegnet. Die Frage, wo sie leben und wer sie versorgt, verkneife ich mir an dieser Stelle wegen völliger Zweckfreiheit. Gerne würde ich allerdings Herrn Merz und auch die Reformgedankenentwickler*innen für ein paar Wochen in Pflegeheimen, im intensiven Einsatz für Senior*innen sehen;  ausdrücklich auch mit diesem nervtötenden Behördenkram, der zumindest widerlegt, dass ein Zugang zu Pflegestufen erschwert werden müsse zwecks Sparen. Das ist schon jetzt übel genug – und nach zahlreichen Gesprächen im näheren und weiteren Umfeld bestätigt sich diese Vermutung. Wie schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten bleibt alle Organisation von Pflege den Angehörigen überlassen – freiwillig, ohne Entgelt, Rentenpunkte sollen zukünftig gestutzt werden. Womöglich in der irrigen Annahme, bei pflegenden Angehörigen handele es sich überwiegend um Frauen, die als Familienmanagerinnen ja eh alles erledigen und das bisschen Pflege einfach zusätzlich stemmen – so in der Rolle einer gut versorgten Ehefrau oder passabel alimentierten Geschiedenen eines Gutverdieners. (Solche Weltbilder als Teilgrundlage von »Reformen« gehören dann übrigens auch auf den Müllhaufen der Geschichte.)

Der Journalist Frédéric Valin, der u.a. für die taz arbeitet, schrieb in einem aktuellen Kommentar zur Pflegereform einen Satz, den ich den handelnden Personen gerne hinter die Ohren schreiben und noch ganz woanders hin tätowieren würde: »Worum es nie geht, sind die Bedürfnisse der Gepflegten; um das Recht, im Alter und in der Krankheit würdig zu leben.«

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Barbara Ams

    100 % Zustimmung! Es ist zum Mäuse melken. Wir brauchen für Papa eine Bestätigung der dkv, dass dort auch Pflegegeld anteilig bezahlt wird fürs Landesamt Besoldung. Eine Abrechnung letzten Monat reicht nicht, es muss diese Bescheinigung sein, damit das Landesamt auch das Pflegeheim mit bezahlt. Dieser irre Aron, so heißt der KI Assistent gibt das immer weiter, aber weder schriftliche noch telefonische Nachfragen bringen diese Bestätigung herbei. Wir kämpfen seit 6 Wochen darum, heute morgen war dann ein echter Mensch am Telefon, der uns erklärte, sie wären so überlastet, dass könne noch dauern. 🤬😡🤦‍♀️🤦‍♀️

    1. Heike Rost

      Ich bin so dermaßen müde von diesem unendlichen Gezacker. Frustrierend – und völlig realitätsfremd, das alles. Toitoitoi für Euch, liebe Barbara!

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