Begegnung

Begegnung mit Menschen

  • Notizen von unterwegs: Zum Goldenen Tiger

    Prag - ©HeikeRost.com - Alle Rechte vorbehalten.

    Wehe dem Gast, der im „U Zlatého Tygra“ einen der Stühle besetzt, die mit der Rückenlehne schräg am Tisch lehnen! Die Kellner verscheuchen den Besucher ziemlich schnell, sind diese Stühle doch einzig den Stammgästen der Prager Bierstube vorbehalten, die nachmittags ab drei Uhr das kleine Lokal mit lautstarkem Leben erfüllen. Eigentlich ist es immer voll dort, Stimmengewirr im Raum, das geleerte Bierglas wird flugs durch ein frisch gefülltes ersetzt. Pilsener Urquell frisch gezapft vom Fass, das beflügelt Gedanken und Sprache. Mancher Gast sitzt schweigend, sinnierend dort, blickt vor sich hin, denkt und träumt mit lebendiger Mimik, erzählend auch ohne Worte: Stundenlang. Gesichter voller…

  • La Cucaracha, kretische Art

    Ausflüge in die Marktstraße von Iraklion auf Kreta sind immer wieder ein empfehlenswertes Erlebnis. Vielleicht weniger für zart besaitete Zeitgenossen, eher für Neugierige, Fotografen und Entdeckungslustige. Denn zwischen liebevoll dekorierten Schweinsköpfen, drumherum drapierten Ringelschwänzchen, Hufen und Schweineohren hängen fachmännisch gehäutete Kaninchen. Sicherheitshalber verbleiben Fellohren und Puschelschwanz an den frisch geschlachteten Tieren, das ist ein rustikales Signal derjenigen Metzger, die auf sich halten und damit klar machen: bei der angebotenen Ware handelt es sich nicht etwa um Katzen oder Hunde, die »nackt« für den Laien nicht mehr von Kaninchen zu unterscheiden sind. Das behauptete jedenfalls Kostas, der kleine dürre Schlachter um die Ecke –…

  • Erinnerungsecho (03)

    Morgenwald, Frühling - ©HeikeRost.com 4.5.2015 - Alle Rechte vorbehalten.

    Die Spuren in Archiven mit den Erinnerungsfragmenten und Notizen der Erzählungen meiner Großmutter zusammenzufügen, das bringt mich immer wieder zum Staunen. Berührt mich, lässt Tränen fließen. Eine Art lebendiges Geschichtsbuch ist das, von dem ich bisweilen Abstand gewinnen muss. Es braucht Pausen des Recherchierens, für die Nachdenklichkeit und auch für die Trauer. Denn unter den Toten sind junge Menschen; ein fünfzehnjähriges Mädchen, das ihren 16. Geburtstag nicht mehr erleben durfte. Ein junger Mann, Student, 22 Jahre alt wurde er, bevor man ihn mit dem allerersten Transport aus den Niederlanden nach Auschwitz schaffte und dort nur kurze Zeit später umbrachte.   Virtuelle Spaziergänge in…

  • Notizen von unterwegs: Über Olivenbäume und Menschen

    Bei Anogia, Kreta ©HeikeRost.com - Alle Rechte vorbehalten.

    Keinen friedvolleren, ruhigeren Ort könnte ich mir vorstellen als die Olivenhaine der Messará auf Kreta. Im Frühling ist der rote Boden unter den Bäumen grün: Alles blüht dort in bunter Mischung, handtellergroße Margeriten, Kräuter, Klee und viele andere Pflanzen, die in den heißen kretischen Sommern verdorren und verschwinden. Im Schatten der alten Olivenbäume lässt es sich wunderbar rasten und denken und träumen: Mit dem Rücken an die knorrigen Stämme gelehnt zum Dach aus silbrigen Blätter hinaufschauen, in dessen Lücken der blaue Himmel hervorblitzt. Die Stämme sind manchmal von Waldbränden geschwärzt, sind rauh und schrundig wie die Gesichter der alten Menschen in den Bergdörfern.…

  • Erinnerungsecho

    In meinem Notizbuch liegt dieses Foto meiner preußischen Großmutter Ilse, entstanden an ihrem Geburtstag Anfang Juli, sie trägt Bubikopf und ein weißes Kleid. Rechts im Bild stehen ihre Eltern, drumherum ihr »Kränzchen« aus Freundinnen und Freunden. Über Ilses Schulter schaut einer ihrer besten Freunde: Herbert Zerkowsky. Geboren 1909 in Berlin als jüngster Sohn einer jüdischen Familie, die zum Freundes- und Kundenkreis meiner Urgroßeltern gehörte. In den 30er Jahren, nach dem Tod des Vaters und nur wenige Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, emigrierte er gemeinsam mit seiner Mutter Emma nach England. Weil auch damals Aufenthaltsgenehmigungen und Staatsbürgerschaft nicht ohne weiteres zu erlangen waren,…

  • Begegnungen – in Farben und Licht

    Jetzt hängen sie wieder, in neuen Rahmen, mit feinen Passepartouts: Zwei meiner Lieblingsbilder, die ich vor langer Zeit gekauft habe. Sie begleiten mich seit Jahren, sind mit mir umgezogen, waren auf Wanderschaft vom Büro in den Konferenzraum und von dort weiter in die Wohnung. Zwischendrin haben sie – sorgfältig verpackt in säurefesten Kartonmappen – eine Weile im Verborgenen gelegen. Sie sind eine Erinnerung an berührende Begegnungen, mit Paul und seiner Frau Hanna. Als junger Mann im Zweiten Weltkrieg überlebte er nur um Haaresbreite eine schwere Kopfverletzung und hatte das unfassbare Glück, keine bleibenden Schäden davonzutragen. Es hat ihn aufmerksam gemacht auf die Leiden…

  • Notizen von unterwegs: Hoffnung

    Oft bewege ich mich als Photographin auf schwierigem Terrain: In Gefängnissen oder Sterbehospizen, unterwegs mit blinden oder gehörlosen Menschen, mit psychisch Kranken. Es sind leise Geschichten, die ich mit meinen Bildern und Texten erzähle. Manchmal fallen sie mir buchstäblich vor die Füße, diese Reportagen, sie begegnen mir und ich ihnen. Und immer sind sie es wert, erspürt, geschrieben und photographiert zu werden. Mitunter gibt es während der Arbeit sehr berührende Momente; so wie heute, als ich vor einem Gebäude stand, das derzeit zu einer Flüchtlingsunterkunft hergerichtet wird. Im Gespräch mit Bauarbeitern und Planern, mit Bundeswehrsoldaten und Sozialarbeitern, Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes, die das Gelände…