Bots, Trolle und Infrastruktur

Der Montag sieht mich sehr nachdenklich nach den gestrigen Meldungen über ukrainische Drohnenangriffe auf Rechenzentren in Russland, die unter anderem den Internetprovider Yandex in großem Umfang betreffen sollen. Bei allem Verständnis für – ja was eigentlich, Freude? Überraschung? Erleichterung? ein bisschen Schadenfreude? … egal, ich teile diese Sicht der Dinge. Teilweise. Und trotzdem habe ich sehr zwiespältige Gefühle hinsichtlich des kompletten Vorgangs, der noch geraume Zeit brauchen wird, um hinreichend aufgeklärt und verifiziert zu werden.

Das Geschehen zeigt vor allem sehr deutlich, dass Rechenzentren vor allem vulnerable Infrastruktur sind, an der viel andere Funktionalität des ganz normalen Alltags hängt. Zahlfunktionen, Lieferdienste, Steuerung von Prozessen aller Art, Wirtschaft, Logistik, Flugsicherheit – um nur einige Aspekte zu nennen, bei denen sich große Unternehmen der Backup-Möglichkeiten von Cloud-Diensten bedienen. Der Ausfall von AWS-Servern im Nahen Osten vor kurzem, vorsätzlich beschädigte Tiefseekabel nicht nur in der Ostsee – all diese Vorkommnisse sollten eigentlich Warnung genug sein. Das, was zu unser aller *wasauchimmer-Gefühle gerade möglicherweise eine Heerschar Bots lahmgelegt hat, ist ein sehr zweischneidiges Schwert.

Die Vorstellung, ein paar kleine, unauffällige Drohnen mit Sprengstoff legten beispielsweise im Großraum Frankfurt Rechenzentren lahm, an denen der Finanzmarkt hängt, ist eine ziemlich unerfreuliche. Auch die Vorstellung, durch solche kleinteiligen Angriffe könnten hierzulande Kraftwerke, Versorgungsleitungen etc. lahmgelegt werden, lässt mich bei weiterem Nachdenken dann erst einmal ganz tief Luft holen. Insofern wäre mir – auch und gerade bei vielen Internet-Cracks, darunter recht bekannte Akteure – ein wenig mehr Bodenhaftung, Realitätssinn und Pragmatismus in der Betrachtung lieber. Die Statistiken wie z.B. bei Cloudflare zeigen, dass die Bot-Aktivitäten anscheinend wellenförmig und ziemlich gleichmäßig verlaufen. Alles in allem kein Grund zur Euphorie oder zu »yeah, wir holen uns das Netz zurück«. Bislang gibt es zum kompletten Vorfall keine unabhängigen Untersuchungen, siehe oben, weswegen ich eine gewisse Skepsis für angebracht halte. (Und weiteres Nachdenken.)

Ein paar lesenswerte Links zur Sache (sie werden bei Bedarf ergänzt):

Christina Christiansen auf Facebook.  (öffentlich lesbar)

Anatoli Loucher auf Facebook – ebenfalls mit Verweisen auf kritische aka vulnerable Infrastruktur.

The Verge kurz und präzise zur Frage automatisierter Bots.

Golem mit weiterführenden Links – und dem Hinweis, dass offenbar derzeit 84 Dienste, die über Yandex laufen, nicht oder nur eingeschränkt erreichbar sind.

Auf Bluesky gibt es ebenfalls einen lesenswerten Thread zur Sache, der ein paar wichtige technische Details differenziert. Auch hier noch ein wenig Lesestoff dazu – und den Hinweis, dass es sich bei einer vielfach geteilten, offenbar mit falschem Kontext versehenen Grafik möglicherweise um eine KI-generierte Fälschung handelt.

»It is important for citizens to distinguish real content from artificially generated traffic, and for journalists and researchers not to draw conclusions without analyzing the data. The case also shows that infrastructure for digital services becomes a target in war, with consequences that go beyond military objectives.« (Quelle: das serbische NewsPortal Vreme, das sich auf den schon erwähnten tschechischen EU-Abgeordneten Tomas Zdehovski und seine Grafik bezieht. Mit einer ordentlichen Portion Skepsis, was die Einordnung dieser Grafik und deren Interpretation betrifft.)

Noch ein wenig Faktencheck von Mimikama: »Die Angriffe auf drei russische Yandex-Rechenzentren und ein massiver Rückgang automatisierter Webanfragen aus einem Yandex-Netzwerk sind belegt. Dass dadurch mehr als 99 Prozent der russischen Propaganda-Bots verschwunden seien oder die Aktivität rund um die AfD auf X um bis zu 56 Prozent eingebrochen sei, ist hingegen nicht nachgewiesen. Die verbreitete AfD-Grafik enthält weder eine überprüfbare Datenquelle noch Angaben zur Messmethode.«
Nachzulesen direkt bei Mimikama.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Paul J. Hahn

    Dankeschön, liebe Heike, für die kluge und abgewogene Zusammenfassung. Ich war lange Zeit dafür, das Bargeld ganz abzuschaffen, aber das wäre wirklich falsch. Kürzlich hatten wir fast 15 Stunden Stromausfall. Dann merkt man, wie hilflos die Menschheit wird.

    1. Heike Rost

      Genau das. Mittlerweile steht ja auch in der Liste der Zivilschutzmaßnahmen drin: Bargeld für Notfälle parat haben. 😉

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