Zwischen Unsäglichkeiten und Nervensägen ….

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Die Pläne von Ministerin Warken zur Pflegereform beschäftigen mich derzeit sehr. So sehr, dass ich tatsächlich – und womöglich völlig wirkungslos – eine sachlich-höfliche Mail an die offizielle Mailadresse von Nina Warken schrieb. Mit den Kritikpunkten, die derzeit für viele, notwendige Debatten sorgen; denn das »Streichkonzert« aus dem Ministerium ist, so nötig eine Reform ist, eine Zumutung für alle, die Angehörige zuhause pflegen. Rentenpunkte um 30% reduzieren, das trifft überwiegend pflegende Frauen; in meinem persönlichen Umfeld kenne ich kaum Männer, die Pflegende sind. (Spoiler alert: da steht »kaum«, nicht »keine«!) Das sorgt auf lange Sicht für Altersarmut derer, die freiwillig und wo möglich ihren Vollzeitarbeitsplatz auf eine Teilzeitstelle reduzieren oder als Freiberufler*innen/Selbständige auf Aufträge, Honorare, Einnahmen verzichten. (Ich vergaß: Teilzeit ist ja »Lifestyle«-Gedöns…)

Die Hürden für Pflegestufen sollen erhöht werden, las ich im Reformkonzept. Wer für Angehörige mit dem Medizinischen Dienst zu tun hatte, weiß: Die Hürden sind schon jetzt unglaublich hoch. Ich spreche da durchaus aus eigener praktischer Erfahrung, ob im näheren Umfeld und Freundeskreis oder in meiner eigenen Familie. Wer noch allein aufstehen, sich waschen oder anziehen und sich eventuell noch eine Tasse Kaffee machen kann, ist in aller Regel zu selbständig für selbst Pflegestufe 1. Der Haken an der ganzen Sache, auch das aus eigener Praxis und Erfahrung: Professionelle ambulante Pflege, Überbrückungen zwischen Krankenhausaufenthalt und Reha, Kurzzeitpflege sind ohne mindestens Pflegestufe 1 nicht zu bekommen. Gar nicht, nicht einmal kurzfristig. Von Pflegehilfsmitteln ganz zu schweigen und ebenso von Diskussionen mit Kranken- und Pflegeversicherung, was die Kostenübernahme für notwendige Hilfsmittel betrifft. (»Ach, keine Pflegestufe? Tja dann, das tut uns jetzt echt leid, da können wir nichts machen.«)

Die Tariftreue im Pflegebereich steht auf der Abschussliste; in einem sowieso schon seit Jahren kaputten System mit Arbeitskräftemangel, teils beschissener bescheidener Bezahlung und permanenter Arbeitsüberlastung ist das für alle Beteiligten unzumutbar. Für Pflegebedürftige, die schon jetzt unter dem Zeitmangel der Pflegekräfte leiden. Für Pflegekräfte. Obendrauf kommt dann noch die geplante Streichung der Einkommensgrenze für Angehörige, die sinnvoller Weise derzeit bei 100.000 € Jahreseinkommen liegt. Jenseits dieser Grenze kann das Sozialamt Angehörige an der Finanzierung von Pflege beteiligen. Darunter nicht, aus einer Reihe sehr handfester Gründe, zu denen auch das Thema Lebenshaltungskosten und Miete, letzteres vor allem in Ballungsräumen, gehört. Die alte Regel, dass für Wohnen maximal 30 % des Einkommens ausgegeben werden sollten, ist schon seit locker zwei Dekaden obsolet; darüber hinaus gibt es auch noch die Debatte um zu großen Wohnraum für Seniorinnen und Senioren.

Wohnungsbaugesellschaften wie die Wohnbau Mainz legen dafür Tauschprogramme auf, die ein Angebot für kleinere Wohnungen beinhalten ebenso wie eine einmalige Beteiligung an Umzugskosten. Dass die langjährige bewohnte, »zu große« Wohnung im Gegensatz zur neuen Wohnung nicht (mehr) bezahlbar ist, schon gar nicht mit schmaler Rente – geschenkt. Dass bezahlbarer Wohnraum für Betagte oft auch heißt, ein gewohntes Umfeld, ein gewachsenes Nachbarschaftsnetzwerk mit Hilfestellung im Alltag, soziale Kontakte, überhaupt gesellschaftliche Teilhabe aufgeben zu müssen, interessiert in dieser Debatte offenbar auch keinen. In den Kontext »Pflegereform« gehört leider auch dieses Thema, weil Plätze in Pflegeheimen immer schwieriger zu bekommen und zu finanzieren sind; weswegen viele Pflegedienste mittlerweile darauf setzen, Pflegebedürftige mobil und so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden zu begleiten und versorgen. Für meine Mutter hoffe ich, dass sie – mit meiner Unterstützung und meinem Verzicht auf so manches – so lange wie möglich in ihrer Wohnung bleiben und vielleicht auch dort ihr Leben beschließen kann.

Für mich selbst habe ich in Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht Regelungen festgelegt, das sei an dieser Stelle jedem, auch jüngeren Menschen empfohlen. Durch Unfall oder Krankheit kann Pflegebedürftigkeit binnen kürzester Zeit ein Thema werden, unabhängig vom Lebensalter. In einem sehr lesenswerten Interview sagte die Liedermacherin Bettina Wegner: »Ich bin schon mal jung gewesen, aber ihr wart noch nie alt.« Weil die Jungen immer denken, dass sie alles wissen, sich aber gar nicht vorstellen können, wie schwer es ist, alt zu werden. Weil alles wehtut. Alles kaputtgeht. Ist eben Abnutzung. Es ist ein komisches Konzept. Eine wirkliche Zumutung für den Menschen. Der ist unter den Tieren der Einzige, der von seiner Endlichkeit weiß, und das finde ich eine Frechheit.« (Weiterlesen im SZ Magazin.)

Falls sich jemand wundert, warum es gerade in diesem Blog etwas ruhiger ist: Dieses Thema gehört zu den sehr präsenten Gründen; auch, weil die Diskussionen darüber manchmal ausarten. In den völlig unsozialen Netzwerken taucht schon mal der hanebüchene Vorwurf von »A*D-Sprech« auf, der gleichzusetzen ist mit dem direkten Weg auf meine Blockierliste. Von einer solidarischen Finanzierung eines dringend notwendigen Lebensthemas, der Pflege, sind wir als Gesellschaft meilenweit entfernt. Die Lasten der Finanzierung werden nicht gleichmäßig verteilt oder durch Umstrukturierung finanziert, sondern vor allem den Pflegebedürftigen und Pflegenden aufgebürdet; zusätzlich zu allem Zermürbenden, Zeit- und Schlafraubenden wie eigentliche Pflege, organisatorischen Fragen, Diskussionen mit Kranken- und Pflegekasse, Medizinischem Dienst, körperlicher und seelischer Belastung von Angehörigen.

Ansonsten gibt’s derzeit geballt auch einige nötige Renovierungsarbeiten an und im Haus, die mich ziemlich auf Trab halten; überwiegend in Eigenregie müssen diese Dinge mit beruflichen Terminen und der Unterstützung für meine Mutter verzahnt werden. Immerhin: Die Fertigstellung ist in Sicht; und Handwerkerarbeit ist nicht nur eine gute Möglichkeit, den oben beschriebenen Ärger und Frust abzureagieren, sondern auch ein gutes exzellentes Konditions- und Muskeltraining. Andere gehen ins Fitnessstudio, ich schleife, streiche und stemme Eisenteile vom notwendigen Gerüst bei dessen Auf- und Abbau. Überraschende Entdeckungen von Muskeln an Körperteilen inbegriffen: »Oh! Die Wüste lebt?!« 😀

Nachtrag: Gerne verlinke ich hier noch auf zwei überaus lesenswerte Beiträge zum Thema – der eine von der Journalistin Ulrike Gastmann auf Facebook veröffentlicht und öffentlich lesbar. Der andere stammt von Tina Groll, die so kenntnisreich wie treffend in der ZEIT die Misere kommentiert hat. »Pflegeversicherung: Beamte in die gesetzliche Pflegeversicherung!« .

Wer übrigens auch eine Mail ans Ministerium schreiben möchte, kann seinen Protest an folgende Adressen schicken (bitte höflich und sachlich!): nina.warken@bundesregierung.de und in Kopie an poststelle@bmg.bund.de .

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