»Digitales Flanieren«, Zufallsfunde im Netz, die mir ohne zu Suchen auf den virtuellen Schreibtisch flattern und meine Gedanken für eine Weile beschäftigen. Festgehalten in Notizbüchern und handschriftlich, brauchen die Schnipsel ein paar Gedankenschleifen des daran und drumherum Denkens. Und manchmal auch ein aktuelles Ereignis: So wie die aktuelle Met-Gala, deren Motto »Kostümkunst« so erstaunliche wie unterschiedliche und teils (Achtung, persönliche Meinung) recht merkwürdige bis abseitige Auftritte hervorbrachte.
Anne Hathaway und Anna Wintour, wer hätte es anders erwartet, in stilvollen Roben voller Eleganz und Eindruckskraft. Heidi Klum, die das Motto sehr wörtlich nahm und als antike Statue auftauchte. Kostümmeisterin des Halloween seit Jahrzehnten, immerhin. Der Rest ist vielfach Schaudern; viel Stillosigkeit aller Art – und viel Vulgäres, Offensichtliches, viel Fleischbeschau, die mich überrascht und ziemlich befremdet zurücklässt. Denn ich bin kürzlich über einen interessanten Gedanken des Schriftstellers, Journalisten und Kulturproduzenten Nobert Kron auf Facebook gestolpert, der in Berlin eine Ausstellung mit Fotografien von Helmut Newton, Michel Comte und anderen besuchte. Beeindruckt war, nachdachte, und dann ….:
»Nacktheit als selbstverständliche Ikonographie des Weiblichen, harter Heroismus als männliche Grundpose: Wie tief die Geschlechterstereotypen eingeprägt sind, sieht man an diesen gleichwohl faszinierenden, fotografisch brillanten Polaroids, die ja im wörtlichen Sinn Vor-Bilder, also Test-Studien der späteren Studioaufnahmen sind. Bei „Camera Work“ in der Kantstraße wurde erneut eine mitreißende Sammelausstellung von Starfotografen eröffnet: Newton, Comte, Hoepker und viele mehr. Verstörend ist, wie tiefencodiert diese Rollenbilder in/im Betrachter/in abgespeichert sind.«
Dieses Zitat habe ich mir notiert. Dran herumgedacht, ein paar Wochen, fast einen Monat lang. Angesichts der Bilder der Met-Gala kam mir dieser Zufallsfund wieder in den Sinn. Und die herausgehobenen Passagen hallen nach in meinen Gedanken, beschreiben das, was mir durch den Kopf ging beim Betrachten der Auftritte. Die Fragen, die ich gerne den Künstlerinnen stellen würde und die ich mir selbst genauso stelle.
– Wer bringt eigentlich Frauen auf die Idee, dass sie umso attraktiver, begehrenswerter, anziehender sie seien, je unverhüllter und nackter sie auftreten?
– Warum wird Kritik an diesem Auftreten fast automatisch mit Verklemmtheit, Prüderie, Frauenfeindlichkeit gleichgesetzt?
– Warum werden Frauen, die sich kritisch äußern, vielfach mit abfälligen Äußerungen über Profilbilder, Körperlichkeit, Übergewicht und Alter bedacht?
– Haben Frauen – in der Selbstpräsentation und -reflexion – so wenig zu bieten, dass sie sich selbst auf ihre physische (vergängliche) Erscheinung und zwanghafte Selbstoptimierung reduzieren?
– Wieso lassen Frauen sich überhaupt auf solche Rollenbilder reduzieren?
– Wieso werfen Frauen sich gegenseitig eingebildete oder tatsächliche »Makel« ihres Äußeren vor?
Norbert Kron setzte seinen Gedankengang fort: »Und umso außergewöhnlich, wenn eine Ikone der Film- und Modewelt sie mit einem hochgeschlossenen Blick dekonstruiert: nicht Heidi Klum, die Ausbeuterin der Rollenklischees, sondern Isabella Rosselini, die Rebellin aus höchstem Art House.« Sie fiel mir ebenso dazu ein wie Sigourney Weaver in der Rolle der Ellen Ripley in diversen Alien-Filmen. Hinreißend, stark, selbst in verdreckter Uniform und mit kahlgeschorenem Kopf, mit kraftvoller Ausstrahlung, erotisch und alles andere als »unweiblich«. Ein Kontrapunkt zum oben beschriebenen und in den Kleidungsstücken der Met-Gala wiederzufindenden Frauenbild, das mich – ob selbstgewählt oder nicht – schon immer beschäftigt hat. Das mich ziemlich oft langweilt, bisweilen weidlich anwidert. Auch, weil ich mich zwischen Werkzeug und im Baumarkt, inmitten von Bücherregalen und mit Akkuschrauber, Motorsäge etc. wohler fühle als beispielsweise mit Dresscodes oder Make-Up-Tipps – und das in keinster Weise als unweiblich empfinde. (Was erstaunlicherweise ziemlich viele Frauen tun. Verblüffend. Wirklich verblüffend?)
Ich habe Fragen. Viele. Und ehrlich gesagt wenige Antworten. Denn auch die spontane Antwort, dass solche Rollenbilder von Frauen als mehr oder weniger entblößte Dekoration zwischen Zierpalme und Wandteppich eine männliche Erfindung sind, halte ich für zu kurz gesprungen. Eventuell fällt ja dem ein oder der anderen Mitlesenden dazu noch Erhellendes ein? (Kommentare dazu sind jederzeit willkommen.)