Lesen am Morgen: Wenn sich blonde, journalistisch dilettierende »Models« über die französische Nationalmannschaft auslassen, in Diktionen aus der untersten Schublade von Rassismus und Ressentiments, hab ich spontan Puls und mir kommt der Kaffee hoch. Dieser Blick, übrigens auch von manchen Lehrern aus den neuen Bundesländern auf echte Deutsche und deutsch sprechende Amerikaner, ist mindestens komplett bildungsfern. Im Lehrfach Geschichte waren diese Herrschaften eher nicht anwesend, die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte ist offensichtlich Fehlanzeige – denn dann wäre ein Urteil über »echte Deutsche« eventuell ein anderes. Bildungsferne, ergänzt mit Bösartigkeit und Rassismus, anders kann man solche Äußerungen nicht beschreiben. Pfui Teufel.
Biodeutsch? Europäisch! Der Blick in meine eigene Geschichte führt weit zurück bis 1678 und nach Doucy in Savoyen. Dort packten rund 25 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieg hugenottische Vorfahren ihre Habseligkeiten. Der lange Krieg hatte viele Regionen in Schutt und Asche gelegt, das Edikt von Nantes wurde in Frankreich relativ kurz nach dem Krieg außer Kraft gesetzt, Hugenotten wiederum (die Bartholomäusnacht lag nicht einmal 100 Jahre zurück) grausam verfolgt. Nachdem die Familie Chabot, deren genaue Herkunft nicht mehr aufklärbar ist, nach Savoyen flüchtete, beschlossen sie, ins damalige (noch) Kurfürstentum Brandenburg auszuwandern. Friedrich I., damals noch Kurfürst, galt als grenzenlos verschwenderisch als eine wesentliche Ursachen für die Armut des Kurfürstentums. Als »Rétablissement« begann Friedrich I., mittlerweile vom Kurfürsten zum König avanciert, ein politisches, dringend nötiges Programm des Wiederaufbaus; denn in nur zwei Jahren zwischen 1709 und 1711 starben in allein in Ostpreußen rund 240.000 Menschen. Dieser Wiederaufbau, zu dem auch die hugenottischen Vorfahren der Familie Chabot gehörten, wurde wirtschaftlich und kulturell prägend für das Königreich Preußen.
Überhaupt, Preußen – der Blick auf das Königreich und »Preußens Glanz und Gloria« schließt zahlreiche Kriege mit ein, die heute lediglich Historikern bekannt und aus dem Allgemeinwissen verschwunden sind. Aspekte wie Auswanderung aufgrund von Armut und Hunger (nach Amerika, hier wartet auch noch einiges auf Erkundung), Leid und Tod gehören genauso dazu: viele Geburten und nur wenige Kinder, die das Erwachsenenalter erreichten, Kindbettfieber und Krankheiten wie Masern, Diphterie alias »Halsbräune«, Typhus und Cholera, die dank medizinischer Forschung heute beherrschbar sind, eingedämmt oder ausgerottet wurden. Die Archive erzählen die traurige Geschichte des zu früh geborenes Zwillingspaars – ein totgeborenes Mädchen und ein Junge, der nur ein paar Tage später starb, gefolgt von ihrer Mutter Caroline drei Wochen nach der Geburt. Im Kirchenbuch ist vermerkt: »Kindbettfieber«, die Kinder bekamen nicht einmal Namen. Auch nach Liepe, Ferdinandshof, Liepgarten in der Region Usedom, zu ein paar verschwundenen Dörfern im heutigen Polen führt die Nachforschung, zu Schiffsbauern und Zimmerern, zu Bauern und Handwerkern. Und geht weiter nach St. Petersburg, wo mein Großvater geboren wurde. Der Urgroßvater war Ingenieur und baute Leuchttürme; in Diensten der Firma Pintsch lebte er in Swakopmund, wo der Leuchtturm noch heute steht und als Denkmal der Kolonialgeschichte gepflegt wird. Nach Swakopmund folgte Sankt Petersburg, wohin Oskar gemeinsam mit seiner Frau Selma zog. Heinrich, der älteste Sohn, wurde dort geboren und in der noch heute als Exklave der EKD bestehenden Peter-und-Paul-Kirche getauft. Als sich die russische Revolution abzeichnete, ging die Familie zurück nach Berlin und blieb dort bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Familienverästelungen stammen aus Cottbus und Schwiebus (heute Świebodzin/Polen): Tuchweber und -fabrikanten, die geschäftliche Verbindungen nach Berlin pflegten, wurden durch Einheirat in französisch-reformierte Familien zu Vorfahren. Neureiche kauften sich auf diesem Weg Kultur und gesellschaftlichen Status, schmückten den eher schlichten Namen Meier mit y und einem Trema darüber, betonten die französischen Wurzeln. Eher bodenständig war der Förster in Plathe (heute Płoty/Polen), wo meine Großmutter Ilse ihre Schulferien bei Verwandten verbrachte, dort stand die Wiege der Großtante Ruth; ihr einziger Sohn lebt heute mit seiner Frau nahe Berlin in Brandenburg. Der Urgroßonkel Friedrich und seine Frau Martha verloren die beiden Söhne im Zweiten Weltkrieg, bevor sie nach Wolgast flüchteten, dort die Mutter Minna zu Grabe trugen und von dort nach Berlin zogen. Das stattliche Forstgut Augusthof, wo Ruth und ihre Brüder mit Ilse ihre Kindheit verbrachten, existiert heute nicht mehr. Lediglich die Straßen und Wege auf Karten, Satellitenbildern und bei Streetview liefern Indizien für den ehemaligen Standort des zerstörten Hofguts nahe der Rega, einem Nebenfluss der Oder und heute Teil eines großflächigen Naturschutzgebiets.
Der Blick geht auch nach Breslau und Glogau in Schlesien, heute Teil Polens. Die Patentante, Verlobte des Großonkels Werner, wuchs auf einem großen Gut auf, verlor während der Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs all ihre Habe und beinahe auch ihr Leben. Wolgast, Angermünde und Berlin, Swinemünde, Danzig, Königsberg und Memelland – die Ortsnamen und Wurzeln der Vorfahren sind vielfältig, mindestens so vielfältig wie ihre Religionen, politischen Überzeugungen und Berufe. Dass Menschen »mosaischer Religion« in den hugenottisch-preußisch-schlesischen Familienmix vor über 300 Jahren einheirateten, gehört zu den Funden in alten Schriftstücken, die noch zu erkunden sind. Oft scheitern die Nachforschungen an der Zerstörung von Kirchenbüchern während vieler Kriege (nicht nur während des Zweiten Weltkriegs!), an unleserlichen Handschriften früherer Standesbeamter und Pfarrer. Fußnoten einer Familiengeschichte, zu denen auch die Erkenntnis gehört: Hugenottische – und andere – Einwanderung nach Brandenburg, später Königreich Preußen, legte einen der Grundsteine für den späteren Wohlstand und die Macht von Preußens Königen. Migration brachte auch Kultur nach Preußen, ablesbar nicht nur in den Prachtbauten der Preußenkönige, sondern auch in Petitessen wie der Akribie, mit der die Kirchenbücher der Französisch-Reformierten Gemeinde in Berlin geführt wurden: In gestochener Handschrift, korrekter Rechtschreibung und Reihenfolge von Namen und Daten sind diese Aufzeichnungen bis heute recht problemlos les- und entzifferbar.
Zum Abschluss sei Carl Zuckmayer zitiert, sozusagen als literarisches Kontra zu den aktuellen Äußerungen eines Lehrers aus Thüringen. Im Theaterstück »Des Teufels General« lässt er General Harras auf die Sorge seines Adjutanten um dessen Ariernachweis, eine »Unklarheit« darin und eine gelöste Verlobung sagen: »Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie eine reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost.«
(Anmerkung zum Zitat: Aus heutiger Sicht ist die ein oder andere Formulierung dieses Zitats – insbesondere »vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse.« sicherlich kritikwürdig, wiewohl Zuckmayer aufgrund seiner eigenen Biographie und Emigration keineswegs mit dem Rassenwahn der Nazis in Verbindung steht oder damit in Verbindung zu bringen ist.)
Das persönliche Fazit? Hier schreibt eine Promenadenmischung, vielfältigen Migrationsbewegungen, unterschiedlichen Ethnien, Kriegen, Flucht und Vertreibung geschuldet. Biodeutsch? Echt deutsch? So ein hanebüchener Blödsinn, das können sich diejenigen, die davon fabulieren, getrost an den Hut oder direkt noch ganz anderswohin stecken ….
Lesenswerte Lektüre dazu sind übrigens zwei Beiträge des Journalisten Thomas von der Osten-Sacken, es lohnt sich, ihm z.B. auf Facebook zu folgen: Die Posts sind öffentlich lesbar, hier (über Lehrer) und hier (über journalistisch dilettierende Models) zu finden. Gern gelesen, ein geschätztes, pointiertes Gegengewicht zu den »Vorurteilen unter der Motorhaube«, die beispielsweise auch KI-gestützte Zusammenfassungen von Suchmaschinen liefern. Doch das ist ein anderes, recht persönliches Thema – mehr dazu später in einem anderen Beitrag. Weiterführende Links sind wie immer farblich gekennzeichnet.
