Ostergedanken der anderen Art

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Lesen beim ersten Kaffee, eine unbequeme, notwendige Betrachtung der ukrainischen Schriftstellerin Marjana Michailiwna Harponenko. Nachdenken über das Gelesene, das auch dem Ärger über einen gehörten Kommentar geschuldet ist.  Geäußert von einem jungen Menschen aus meinem erweiterten Umfeld; ein junger Mensch, der ersichtlich in einigem Wohlstand lebt, in Frieden und Freiheit groß werden durfte. Nicht selbstverständlich, wenn man auf andere Länder schaut. Der junge Mensch regt sich gerade auf. Über die Diskussion einer Wehrpflicht. Über die Möglichkeit, »sein Land« verteidigen zu müssen im Ernstfall. »Für dieses beschissene Land greife ich nicht zur Waffe.«

Nun gut, ich hatte auch mal ratzkurze Hennamähne mit Bundeswehrparka,  Arafat-Tuch, Anti-Atomkraft-Sticker und einigem mehr. Junge Jahre sind wilde Jahre und konnten es in meiner Generation zwischen 68er Freiheit, Restbeständen von Konservativen und Alt-Nazis, zwischen Hippies, FlowerPower, Poppern und RAF (Rote Armee Fraktion) durchaus sein. Zum Glück waren das liberale Zeiten, wir haben uns erprobt, über Gott und die Welt gestritten. Demonstriert haben wir auch, gegen AKWs, »Petting statt Pershing«, im Sperrgebiet Ober-Olmer Wald quasi vor der Haustür lagerten amerikanische Raketen. Jugendjahre zwischen Schülerzeitung, der Ausbildung in Berlin, gelegentlichen Ausflügen in die linksalternative Szene mit Besuchen bei Hausbesetzern, Freundschaften mit Punks und Rockern, mit Musikern und einigen Exoten (bezogen auf Geisteshaltung und Lebenskünstlertum). Bunte Jahre, in denen man schon mal die Welt aus den Angeln kippt – zumindest verbal – und »den Alten« wahlweise sein »Ich will so nie werden« oder »Ich bin anders als ihr« in vielfältigen Varianten vor den Latz rüpelt.

Die Zeiten ändern sich. Dramatisch, in exponentieller Geschwindigkeit, die Zahl der Bekloppten auf dieser Erde wächst. Auch die der geopolitischen Kontrahenten, die historisch gewachsene Verbindungen und Verbindlichkeiten in die Tonne kloppen, als gäbe es mindestens einen Ersatzplaneten. Immer wieder sind es überwiegend alte weiße Männer, die versuchen, diese Welt in Schutt und Asche zu legen. Und als durchaus friedliebender Mensch finde ich mich in einem ziemlichen Dilemma wieder. Denn ist einerseits der junge Mensch, der sein Land als beschissen bezeichnet, als nicht wert, sich dafür einzusetzen. Nicht mit politischem Engagement, mögen das »die anderen« tun: Zu anstrengend, das alles, zuviel Krampf und Kampf und überhaupt. Allerdings findet er auch »die Rechten« gründlich ekelhaft, alles andere sei auch zum Kotzen hierzulande. Und andererseits ist da (wieder) nach gedankenlos unbeschwerter, historisch betrachtet eher längerer Zeit Bedrohliches, das den Horizont verdüstert.

Derweil regt sich gerade alle Welt über das »neue« Wehrdienstgesetz auf; insbesondere über die Verpflichtung für Männer zwischen 18 und 45 Jahren, sich bei Auslandsaufenthalten von mehr als drei Monaten abzumelden. So neu ist das alles nicht, diese Regelung stammt aus den Zeiten des Kalten Krieges und war bis dato lediglich ausgesetzt, nicht aufgehoben. Das historische Gedächtnis ist kurz, das Wissen meist nicht vorhanden. Wie sollte es, der junge Mensch in meinem Umfeld war noch nicht einmal ein Gedanke seiner Eltern, als Europa mitten im Kalten Krieg steckte, diverse Krisen durchlebte, darunter auch die Ölkrise der 70er Jahre. Die Gnade der frühen Geburt nenne ich das für mich, seinerzeit Erlebtes, Erstrittenes und heute Erinnertes kollidiert grade heftig mit parallel existierenden Seiten der Realität: die eine sind junge Menschen, die in recht lang währender friedlichen Zeiten groß wurden. Die andere sind manche Zeitgenossen, denen es ganz offensichtlich völlig am Arsch vorbeigeht, ob »Frieden schaffen ohne Waffen« möglich wäre. Faustrecht, der Anspruch des (selbst) vermuteten Stärkeren, die Unterwerfung des Schwächeren. Freundlich ausgedrückt. Frieden zu den Bedingungen der Diktatoren und Tyrannen.

Dass sich vieles dramatisch verändert hat, in Turbogeschwindigkeit und nicht unbedingt vorhersehbar, das kann man getrost und gründlich beschissen sehr bescheiden finden. Die Generation meiner Mutter hängt jedenfalls gerade ziemlich in den Seilen; während der diversen Flüchtlingsbewegungen von Ex-Jugoslawien bis Mittelmehr holen diese Menschen die schlimmen Erfahrungen ihrer Kindheit ein. Bomben, Krieg, Entbehrung und Tod, das kennen sie, haben es als Kinder miterlebt. Meine Mutter erinnert sich an steifgefrorene Säuglinge, die am Weg der Flüchtlingstrecks des Zweiten Weltkriegs in den Straßengräben lagen. An erstickte, verbrannte Schulfreund*innen, an Nächte in Luftschutzkellern, an Hunger und Entbehrung. Jetzt, auf der Zielgerade ihres Lebens, holt sie all das mit brachialer Gewalt ein, steht als finsterer Gedanke vor der Tür und verfolgt sie bis in ihre Träume.

Die Freundinnen und Freunde meiner Mutter wundern sich, wie sie. Mindestens. Sie fragen sich vieles. Auch, ob – wenn es an die eigene Familie, an Kinder und Partner geht – „die jungen Leute“ einem potenziellen Aggressor eigentlich freundlich die Tür öffnen? „Komm rein, mach mich platt und meine Lieben gleich mit, weil ich friedlich bin und ohne Waffen und überhaupt, verteidigen? …für dieses Land sowieso nicht!“, das passt nicht zu „Ich will Freiheit und alles tun und lassen dürfen, was ich will“. Die Freiheit, zu wählen, zu entscheiden, in Sicherheit und Wohlstand, das ist nichts, was vom Himmel fällt. Individuelle Freiheit in Frieden und Demokratie hat eine schmerzhafte Vorgeschichte. Und offensichtlich, unvermutet und recht plötzlich will und muss sie verteidigt werden. Nicht mit Worten, nicht mit »Wattebäuschchen schmeißen«, das funktioniert eher nicht, betrachtet man so viele Kriege und Massaker der Gegenwart. Srebrenica, Butscha, die Sniper Alley in Sarajevo seien stellvertretend erwähnt für soviele andere Gräuel, weil vor der Haustür, im eigenen Garten sozusagen. Diesmal nicht weit entfernt, sondern mit der düsteren Perspektive einer möglichen Fortsetzung in Europa, inmitten einer gründlich geschredderten Weltordnung.

Zwischen Wohlstandsverwahrlosung, Naivität und Notwendigkeit, Konflikte diplomatisch zu regeln, das Gefährdete im Fall des Falles zu verteidigen, liegt ein weites, vermintes Feld voller abstruser, giftiger Debatten. Nicht nur meine Mutter hat schlecht geschlafen in der Nacht; ich habe manche Bilder im Kopf, die ich nicht loswerde, von denen ich träume und die mich bisweilen hochschrecken lassen. Videos von Drohnen in der Ukraine gehören dazu, die Billigdinger aus Rasenmähermotoren, die höchst effizient Jagd auf Menschen machen. Der aktuelle Krieg am Golf, in dem iranische »Pappdrohnen« ein millionenschweres AWACS-Flugzeug mal eben in einen Haufen Schrott verwandeln und drumrum, in anderen Staaten der Region große Schäden anrichten. Die Strategien sind offensichtlich dieselben auf einem gigantischen Versuchsfeld, auf dem wir alle die Versuchskaninchen sind irgendwie. Viel lesen, das Hirn freikriegen zwischen Gartenarbeit und Mountainbike, raus aus den Sozialen Netzwerken und nur temporär dort präsent sein, das hilft. Jedenfalls für eine Weile. Und ich bin froh, dass uns hierzulande keine Bomben um die Ohren fliegen. Vieles liegt im Argen, darüber kann und muss gestritten werden, die menschliche Kälte und Ignoranz erschreckt mich manchmal. Es ist viel, das Reformen braucht, es sind große Räder, die gedreht werden (müssen).

Der Kommentar des jungen Menschen wirft mich mitten in das eigene Dilemma. Denn auch ich hätte nicht gedacht, dass ich mit allen beschriebenen Erfahrungen im Gepäck *irgendwann* an den Punkt komme, es richtig und wichtig zu finden, den Irren dieser Welt wehrhaft zu begegnen. Es sind einige Dekaden von damals bis heute, ein paar Gedankenschleifen, einige von ihnen sind unbequem und schmerzhaft gewesen und sind es noch. Und ja, sie sind Dilemma. Zum Umgang mit Dilemmata gehört allerdings neben Resilienz auch Reflexion, Abwägen – und Kompromiss(e) für das, wofür es keine bequeme Lösung geben kann.

Merkwürdige Morgengedanken, schlecht geschlafen nach Vollmond, viel gelesen, Kopfschmerzen, beim Aufwachen am Ostersonntag bin ich in den Garten gelaufen, mit der Kaffeetasse in der Hand: Draußen Vogelkonzert und Blütenduft und Kirchenglocken. Friedlich. Surreale Welt….

PS: Wie absurd, aggressiv, uninformiert die Debatte geführt wird, darüber hat Stefan A.K. Weichelt auf seinem Blog einiges Lesenswerte geschrieben: »Ich habe mir die Mühe gemacht, das auseinanderzunehmen. Was steht wirklich im Gesetz? Was bedeutet das konkret? Was ist neu, was gab es schon vor der Aussetzung der Wehrpflicht 2011? Die Antwort, kurz zusammengefasst: Der größte Teil des Aufschreis war schlicht falsch. Das neue Modell setzt zunächst auf Freiwilligkeit. Eine Genehmigungspflicht für jeden Auslandsaufenthalt existiert in dieser Form nicht. Und das, was tatsächlich neu ist, war vor 2011 bereits genauso geregelt – wir haben es nur vergessen, weil wir fünfzehn Jahre Pause hatten.«

… und fast alle ernstzunehmenden Medien sind auf diesen Aufschrei aufgesprungen, haben Halbrichtiges berichtet und die 15 Jahre Pause waren offenbar lang genug. (Ich schenke mir hier eine Bewertung; nur soviel: Ich bin mit »meiner« Branche aka Journalismus bisweilen heftig über Kreuz.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Barbara Ams

    Liebe Heike, ich kann dir nur zustimmen. Manchmal frage ich mich, für was wir in unserer Jugend gekämpft haben, mit den Demos, mit den Protesten (atomkraft nein danke), und ich frage mich, wie hätten wir es verhindern können, dass die alten Männer, wie Putin, Trump, Netanjahu etc. plötzlich hohl drehen und lieber die Welt zerstören wollen als sich zur Ruhe setzen. Es macht mir wirklich Angst … Trotzdem danke für deine Worte, denn dann weiß, dass ich nicht alleine bin.

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