Notizen – 02.02.2026

Montagmorgenfundstücke, lesend, beim ersten Kaffee: Dann, wenn ich die Stille des Morgens zu sehr früher Stunde nutze, wenn der Vollmond mich am Schlafen gehindert hat und das Gehirn summt von vielen Gedanken, Ideen, Projekten und Bildern. Das ist Denkzeit, im besten Sinne ein guter Start in den Tag. Im Beitrag von David Brooks, New York Times, bin ich aus vielerlei Gründen »hängengeblieben«. Er verabschiedet sich mit nachdenklichen Worten von seinen Leserinnen und Lesern, auf dem Weg zu neuen Projekten, mit jeder Menge »food for thought«.

»But the shredding of values from the top was preceded by a decades-long collapse of values from within. Four decades of hyperindividualism expanded individual choice but weakened the bonds between people. Multiple generations of students and their parents fled from the humanities and the liberal arts, driven by the belief that the prime purpose of education is to learn how to make money.«

Bildung im ganzheitlichen Sinn fällt nicht vom Himmel, dient nicht einem einzigen Zweck, ist bisweilen harte Arbeit. (Nicht meine Worte – die meiner preußischen Großmutter in analogen Zeiten.) Eine Balance zwischen Individualismus und Gemeinschaftssinn zu finden, wie kann das ohne geteilte Werte und entsprechende Verbindung zwischen Menschen gelingen?

»We’re abandoning our humanistic core. The elements of our civilization that lift the spirit, nurture empathy and orient the soul now play a diminished role in national life: religious devotion, theology, literature, art, history, philosophy. Many educators decided that because Western powers spawned colonialism — and they did — students in the West should learn nothing about the lineage of their civilization and should thereby be rendered cultural orphans.«

Schon oft habe ich über den Zusammenhang zwischen kulturellen Wurzeln und Kenntnissen geschrieben, in Diskussionen gesprochen, mit Freunden gestritten. Nächtelang, ob vor dem Kamin oder unter dem alten Nussbaum im Garten. Denn für mich hat das Wissen, wer ich bin, eine enge Vebindung – zu kulturellem Erbe, zu Literatur, Architektur, Geschichte, Musik und vielem mehr. Dazu gehört auch eine schon fast legendäre Aussage von Christian Mommertz,  CEO von »Yellow Brick Road« im Rahmen eines Workshops: »Eigentlich müsst Ihr nur vier Bücher lesen: Ödipus. Faust I und II. Hamlet. Okay, noch ein fünftes – die Bibel.« Allseits staunende, verblüffte Gesichter bei den jungen Teilnehmenden: Was? Das olle Zeug? Christian Mommertz lachte herzhaft in diesem Moment und bejahte die Frage nach den ollen Kamellen: »In diesen Büchern steht alles, was Ihr über ungewünschte Konflikte, deren Bewältigung, über Krisen und Sinnfindung wissen müsst ….«. Die Diskussion um Lerninhalte in der schulischen Bildung, David Brooks‘ Formulierung des »kulturell Verwaisten«, die Verblüffung angesichts der Aussage von Christian Mommertz: Das ist meine gedankliche Verbindung zu etwas Wichtigem, denn kulturelle Verwaisung – hässlich auch mit Wohlstandsverwahrlosung in einer Reihe – ist möglicherweise die Ursache für fehlende Selbstsicherheit und daraus resultierende diffuse Angst. (Auch hier meine preußische Großmutter im Sinn, die mich früh mit Bach, Beethoven, Goethe, Schiller und Co. bekannt machte, mit sperrigem Denkstoff und Bergen von Büchern: »Wenn Du weißt, wer Du bist, weißt Du auch, wo Du stehst und brauchst vor vielen Dingen keine Angst zu haben.«

»The most grievous cultural wound has been the loss of a shared moral order. We told multiple generations to come up with their own individual values.This privatization of morality burdened people with a task they could not possibly do, leaving them morally inarticulate and unformed.«

»Moralisch unausgereift und ungebildet.« Das sitzt, das ist schmerzhaft, im Wortsinn treffend. Wohlstandsverwahrlosung als böses Stichwort, das auch diesen Aspekt des Unausgereiftseins einschließt: keine geteilten Wertvorstellungen mehr, stattdessen eine Individualisierung von Moralvorstellungen, die – so Brooks – überfordert im Versuch, den eigenen Weg zu finden und zu definieren. »Eltern und Gesellschaft geben Nachwuchs die Leitplanken vor – den Weg finden müsst Ihr selbst, trotz allem.« Auch hier wieder die preußische Großmutter, die mit der Erfahrung zweier Weltkriege, der Weltwirtschaftskrise, des Dritten Reichs und vielen materiellen und immateriellen Verlusten im Gepäck ihren Blick auf das Leben schärfte. Und mir aus dieser ihrer Perspektive des schmerzhaften Verlusts eines kompletten gesellschaftlichen und kulturellen Umfelds, in den Vernichtungslagern der Nazis ermordeter enger Freunde und Nachbarn, ihren eigenen Ängsten und deren Bewältigung so einiges mitgab auf meinen Weg. Zwei Schriftsteller, die den Vornamen Alexander gemeinsam haben, gehören übrigens dazu; Dumas der eine, Solschenyzin der andere. Die parallele Aussage, über große historische, geografische und biografische Unterschiede hinweg: Abbé Faria bringt Edmond Dantès, dem späteren Grafen von Monte Christo, den Wert von Bildung und Kultur nahe. Alexander Solschenyzin schildert in seinem monumentalen Werk »Der Archipel Gulag«, dass Bildung und Kultur für ihn lebensrettend waren.

»Without shared standards of right and wrong, it’s impossible to settle disputes; it’s impossible to maintain social cohesion and trust.«

Ein Nachdenksatz von David Brooks, der es insbesondere im Kontext der Echokammern und sich selbst befeuernden Empörungsschleifen der Sozialen Netzwerke in sich hat. »Es ist unmöglich, Streitigkeiten beizulegen.« Insbesondere dann, wenn sozialer Zusammenhalt erodiert und Vertrauen schwindet.

»By “culture,” I don’t just mean going to the opera and art museums. I mean “culture” in the broadest sense — a shared way of life, a set of habits and rituals, popular songs and stories, conversations about ideas big and small. When I use the word “culture,” I mean everything that forms the subjective parts of a person: perceptions, values, emotions, opinions, loves, enchantments, goals and desires. I mean everything that shapes the spirit of the age, the moral and intellectual moment, which constitutes the shared water in which we swim. In this definition, every member of society has a role in shaping the culture. We all create a moral ecology around ourselves, one that either elevates the people we touch or degrades them.«

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Auf der persönlichen Ebene: Auf meiner Visitenkarte und der Unterzeile meiner beruflichen Website steht der Zusatz »Visuelle Kultur«. Oft werde ich gefragt, was ich damit meine, sehr oft haben sich daraus unglaublich spannende, beflügelnde und bereichernde Gespräche ergeben. Denn diese Formulierung ist auch Reminiszenz an meine oft und gern zitierte preußische Großmutter … und an einen ganz wunderbaren Lehrer, den ich während meiner Fotografenausbildung kennenlernte und sehr schätzte. In einem Brief schrieb Yvel Hyppolite, gebürtiger Haitianer, französischer Muttersprachler und Wagner-Fan: »Beschäftige Dich mit allem, was Deinen Verstand und Deine Sinne wach hält, Dich inspiriert und Deine Sicht formt. Kunst, Kultur, Literatur, Musik, gute Küche, guter Wein und noch ganz viel mehr. Daraus entsteht Kraft und daraus werden eines Tages Deine Bilder.«

Die komplette Kolumne von David Brooks gibt es in der New York Times zum Nachlesen.

(Zitate aus dem Original habe ich nicht übersetzt. Falls nötig, sei DeepL empfohlen.)

»Wir sind nicht ohnmächtig, Veränderung zum Besseren ist möglich. Diese Welt ist zu schön, um sie den Wahnsinnigen zu überlassen.« (Rita Süssmuth, 1937 – 2026)

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Dietmar Lepage

    Hatte heute bei der Mittagspause auf der Arbeit ein aufschlußreiches Gespräch zum Thema „Eltern und Gesellschaft geben Nachwuchs die Leitplanken vor“ – hier vorallem Eltern, die doch allen Ernstes ihren Kindern den Besuch des Weihnachtsmärchens „Der kleine Vampir“ im Mainzer Staatstheater verwehrt haben, da diese Vampire die Kinder (mindestens 7 Jahre alt) verunsichern und traumatisieren könnten – gehts noch?
    Sich darauf bei „wohlstandsverwahrlosten“ und überprotektionierten Kindern darauf zu verlassen, dass Eltern Leitplanken (so wie du & ich sie uns vorstellen: solidarische und offene Gesellschaft mit allgemeingültigen Regeln, die zu demokratischen und freien Denken und Handeln befähigen) dies ihren Kindern vermitteln ist wohl mittlerweile eher Wunschdenken. Diese Funktion wird zunehmend den Kindergärten & Schulen übertragen, die damit natürlich überfordert sind und scheitern müssen, zumal die Eltern dann noch eingreifen, obwohl sie sich ansonsten aus der Erziehung heraushalten, bzw. Angst vor ihren Kindern haben, wenn sie ihnen klare Anweisungen / Regel geben müssten, da sie ja dann das partnerschaftliche (???) und liebevolle Verhältnis zu ihren Kindern gefährden könnten & diese zutiefst verunsichern würden

    1. Heike Rost

      Denke ich an meine Kindheit zurück, gab es solche »Leitplanken«. Nicht als Käfig oder Korsett, sondern als Sicherheit für meinen Weg. Es gab nie ein unbegründetes Nein oder die ebenso unbegegründete Ansage »das tut man nicht«, es folgte immer ein »Weil….«; meistens in einer Form, die mich dazu aufforderte, darüber nachzudenken. Es gab auch nie Rollenklischees in meiner Erziehung. Möglicherweise, weil ich die Tochter, Enkelin, Urenkelin von Frauen bin, die ihren eigenen Weg gingen und gehen. Frauen, die in ihrem Leben sehr unerwartete Wendungen erlebt haben – Krieg, Verlust von Angehörigen und Freunden, Flucht und Vertreibung gehören ebenso dazu wie die Notwendigkeit, als »höhere Tochter« plötzlich eigenverantwortlich zu handeln – und zur Unternehmerin und Familienmanagerin zu werden.

      Diese Haltung der Frauen meiner Familie, dem Kind Heike deutlich zu machen, dass es »Leitplanken« gibt, man aber dennoch seinen Weg selbst finden, Unsicherheit und Angst aushalten und damit umgehen muss (neudeutsch Resilienz, ha!) beeinflusst mich bis heute. Und die Unterstützung, die mir immer Antrieb und Mut gab, auszuprobieren, zu wagen, anzupacken, zu verändern – auch das ist Grund, warum ich heute eine gutsortierte Werkzeugkiste besitze, mit einer Kettensäge umgehen kann oder Nerd bin; dafür kenne ich nicht einen einzigen Schuhladen von innen. (Um hier ein beliebtes, völlig überholtes Klischee zu zitieren.)

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