Feiertage sind Lesezeit, viel Interessantes ist mir begegnet; hier eine Linksammlung lesenswerter Beiträge:
»War es wegen Sankt Petersburg oder wegen Dresden, daß mir gleich eine Formulierung von Joseph Brodsky in den Sinn kam? In einem Essay über seine von der Newa durchflossene Geburtsstadt (damals hieß sie Leningrad) spricht er von einer „Wasserspiegelung, die unausweichlich zum Narzissmus führt“. (…) Seit einigen Jahren steht ein Bilderrahmen dort, von wo aus Canaletto die markante Silhouette verewigte. Ein solcher Rahmen umgibt die Stadt auch in den Augen seiner Bewohner; selbst ihre Zerstörung im Bombenhagel 1945 gilt ihnen als einzigartig. Nein, ein Wunder wäre es nicht, wäre Paul Näcke beim Gedanken an seine Dresdner Jahre auf den Terminus verfallen. Dresden als Wiege des Narzissmus: es gibt unwahrscheinlichere Geburtsmythen.« Renatus Deckerts Text, 2022 in der Süddeutschen Zeitung erschienen, ist jetzt auch auf seinem Blog »Wolken und Kastanien« zu finden – unbedingte Leseempfehlung!
»But what does that remaining traffic consist of? I recently came across a bubble chartdepicting the Twitter accounts that had received the most “engagement” in February 2026. It was depressing: most of the top accounts were extremely low-quality and highly partisan. I hadn’t even heard of many of them and only follow a handful of the top accounts. So I tracked down the original data myself and, with help from Claude, made my own improved version of the chart. Here, voilà, are the Twitter accounts with the most engagement so far in 2026. (…) It’s not hard to notice that Twitter has become extremely right-leaning. But I’d argue there’s an equally important trend: the top accounts are of incredibly low quality. Elon, with the algorithmic boost he built in for himself, is at the eye of the storm, of course.« Nate Silvers Text »Social Media is turning into a freak show« – ebenfalls eine unbedingte Leseempfehlung, Grafiken und Datenauswertungen inbegriffen. (Mehr über Nate Silver hier.)
Zwischendrin zwecks Amüsement und Freude an geschliffener Sprache: ein Redebeitrag von Claude Malhuret, Präsident von Les Independents in Frankreich. Der Arzt, Anwalt und Politiker ist mir immer wieder aufgefallen ob seiner kritischen Redebeiträge, die man umschreiben könnte »mit dem Florett anstelle mit Holzammer und Streitaxt« oder ob seiner Beiträge wie »Trump is Nero While Washington Burns«, erschienen im Januar 2026 in The Atlantic.
Immer wieder fällt mir in Mails, wie knapp und unhöflich mittlerweile oft kommuniziert wird. Nennt mich altmodisch oder wertfossil, soviel Zeit muss sein. Ausgenommen davon sind längere Konversationen, da entschuldige ich »in Kürzi Würzi« ebenso wie in Textnachrichten. Fürs große Ganze darf das gern mehr sein als nur »Hallo, *folgt Text*«. Je nach Kontakt – »Liebe Frau/Lieber Herr *Name*« oder auch »Guten Tag *Anrede/Name*, ein halbwegs freundlicher Schluss mit bedarfsweise »Dankeschön im Voraus« oder »freundlichen Grüßen«. Die überaus freundlichen, fundierten und hilfreichen Antworten auf diverse Rechercheanfragen, die ich derzeit schreibe, folgen genau diesem Muster, ob bei britischen, amerikanischen oder deutschen Kolleg*innen. Einen Denkanstoß dazu gab mir dieser Beitrag auf LinkedIn, der sich mit der Ausführlichkeit von Prompts im Vergleich mit der schroffen Knappheit von Mails beschäftigt. (Gedacht übrigens weniger als akademische Korinthenkackerei, sondern eher als kleines gelbes Klebezettelchen am Bildschirm.)
»Empfehlungsalgorithmen als KI-Technologien führen dazu, dass wir uns nicht mehr selbstbestimmt durch diese soziale Medienlandschaft bewegen, weil wir immer eine gefilterte Sicht der Welt bekommen. Daher haben wir heute Probleme damit, überhaupt noch einen gemeinsamen öffentlichen Horizont zu konstruieren. Der jüngst verstorbene Jürgen Habermas hat den Begriff der Öffentlichkeit als eine Sphäre beschrieben, in der Bürger zwischen Zivilgesellschaft und politischem System zusammenkommen, um gemeinsam Meinung zu bilden und staatliches Handeln kritisch zu hinterfragen. Diese Öffentlichkeit lebte von kuratierten Medien – der Tageszeitung, dem Radio, später dem Fernsehen –, die als Gatekeeper fungierten und einen gemeinsamen Kommunikationsraum erst möglich machten. Was wir heute erleben, ist der Zerfall genau dieser Struktur: In einer Medienwelt, in der prinzipiell jeder senden und empfangen kann, gibt es keine Kuratierung mehr – und damit auch keinen gemeinsamen Raum für rationale Meinungsbildung.« schreibt Prof. Georg Mein, Direktor des neu gegründeten Institute for Digital Ethics (ULIDE) an der Universität Luxemburg in seinem Beitrag für das Tageblatt Lëtzeburg. Leseempfehlung. 😉
»KI greift ebenfalls auf etwas zurück, das man in einem weiten Sinn Erinnerung nennen kann. Sie arbeitet mit gespeicherten Mustern, mit Beziehungen, mit Wahrscheinlichkeiten, mit Strukturen. Das wirkt nach außen oft erstaunlich klug, manchmal sogar verblüffend nah an dem, was wir Denken nennen würden. Trotzdem bleibt der Unterschied groß. Beim Menschen ist Erinnerung gelebt. Sie hat einen Körper, eine Geschichte, ein Zeitgefühl. Sie ist verbunden mit Scham, mit Hoffnung, mit Nähe, mit Verlust, mit Angst und mit Trost. Erinnerung ist beim Menschen nicht nur gespeichert. Erinnerung hat Spuren hinterlassen.« Kluger Beitrag des Kinderbuchautors Rene Holz auf LinkedIn, bei dem ich gedanklich ein wenig länger »hängen blieb«.
Was passiert, wenn versehentlich ein Quellcode im Netz landet, für einen ultrakurzen Zeitraum unkontrolliert verbreitet und anschließend via Coding neu interpretiert wird (neue Software, identische Funktionalität, binnen fünf Stunden via KI generiert), ist ein interessanter Ansatz für alle, die digitale Werte alias Immaterialgüter erschaffen. Anthropics Modell Claude ist genau das passiert; rechtlich voraussichtlich unangreifbar, weil keine 1:1 Kopie, sondern eine Neuinterpretation bzw. ein neues Produkt. Ein Beleg mehr, welche Risiken der Umgang mit KI für alle beinhaltet, die in irgendeiner Form urheberrechtlich geschützte Inhalte produzieren.
Philosophisches zwischendrin, ganz ohne KI: »Der Begriff der Verantwortung leidet unter einem chronischen Missverständnis: Er wird fast reflexhaft mit Schuld, Pflicht oder einer moralischen Last gleichgesetzt. Diese retrospektive, oft strafende Sichtweise verdeckt die eigentliche psychologische Dimension des Konzepts. Im Kern bedeutet Verantwortung die proaktive Fähigkeit, auf die Umwelt zu antworten und Selbstwirksamkeit auszuüben. Doch genau diese Fähigkeit wird gerade einem beispiellosen Stresstest unterzogen. (…) Je mehr Akteure an einem System beteiligt sind, desto massiver sinkt das subjektive Verantwortungsgefühl des Einzelnen.« Diesen Text des Wirtschaftspsychologen Oliver Hoffmann habe ich nicht nur mit Interesse, sondern Vergnügen und eigenen Gedankenschleifen gelesen. Allemal, weil in so vielen Debatten die Begriffe Schuld und Verantwortung (Gedenkkultur, Holocaust) so undifferenziert strapaziert werden.
Die Frage »Are you building a factory, or are you building an atelier?« hat mich ebenfalls ein wenig länger beschäftigt. Ebenso wie die abstruse Idee eines humanoiden Roboters namens Plato, der von Melania Trump begleitet, als neue Möglichkeit von Bildung gepriesen wurde. »Last week Melania Trump walked into a White House education summit with a humanoid robot and pitched it as the future of teaching. „Imagine a humanoid educator named Plato. Access to the classical studies is now instantaneous. Instantaneous access is not education. It is search. (…) That is what AI cannot do. Not because the technology is not good enough yet. Because the process requires a human who cares about the outcome. A robot can answer every question. It cannot notice the student who has stopped asking them.« Sam Illingworth, Professor of Creative Pedagogies und AI-Kritiker
Zwischen Auftragsarbeit, Fragen zur Notwendigkeit von Fotograf*innen, Grafiker*innen und anderen Kreativ-Arbeitenden mit dem unangenehmen Unterton des »Braucht man die noch oder können die weg?« habe ich dann für die »Eingangstür« meiner Hauptwebsite ganz ohne Fotos etwas Neues gebaut und die Einzelbereiche der Website durchgeputzt, es ist Frühling… Hier entlang, bitteschön.
Zu guter Letzt noch ein Hinweis auf eine Literaturverfilmung, die mich – im positiven Sinne! – beeindruckt, berührt, gefesselt, absobiert und sprachlos hinterlassen hat: »Sternstunde der Mörder«, basierend auf dem gleichnamigen Roman des tschechischen Schriftstellers Pavel Kohout; düster, dramatisch, bildgewaltig, überwiegend ohne drastische Darstellungen von Gewalt (bis auf den vierten Teil)., exzellent besetzt mit unglaublich tollen Schauspieler*innen. Wer mich kennt, weiß: »Ich *abe gar keine Fernseher«, bin ziemlich oft enttäuscht von Literaturverfilmungen und/oder Übersetzungen, die manchmal das Original bis zur Unkenntlichkeit schreddern. Die vierteilige Serie ist noch bis Mitte nächsten Jahres in der ARD-Mediathek verfügbar.
Links sind wie immer farbig gekennzeichnet. Viel Vergnügen beim Lesen – und Kommentare sind willkommen. <3
Nachtrag: Auch wenn es hier viel KI-Kritisches zu lesen gibt, beschäftige ich mich dennoch mit deren Chancen und Risiken. Mitunter im Auftrag, mitunter aus eigenem Interesse. Wenn mich dann allerdings nach einer Anmeldung bei einem AI-Hub solche Mails erreichen, die mehr oder weniger subtil mit FOMO (Fear of Missing Out) spielen und in einer manipulativen Diktion des »Du bist anscheinend zu doof« daher kommen, bin ich raus. Hier der Text, inklusive aller Formatierungen 1:1 übernommen:
»Dies ist unsere letzte E-Mail. Sie suchten nach KI-Hilfe. Sie haben Use AI gefunden. Sie hätten sich fast 50.000+ Menschen angeschlossen, die jeden Tag intelligenter arbeiten. Fast. Vielleicht sind Sie noch nicht bereit. Vielleicht sehen Sie den Wert noch nicht. Vielleicht sind Sie mit dem langsamen Weg zufrieden. Das ist in Ordnung. Wenn Sie bereit sind, sind wir für Sie da. Aber wenn ein kleiner Teil von Ihnen denkt „Was wäre wenn?“ – dies ist Ihre letzte Chance, darauf zu reagieren.«
(Börks. Sorry.)