Turbulente Zeiten – deswegen mit Verspätung der Lesestoff der letzten Tage, geballt, viel und sehr verschieden. Frohes Stöbern und Lesen!
Befindlichkeiten und Gedanken zu KI aller Art trefflich zusammenfasst im Blog von Falko Löffler, Autor, Übersetzer und Podcaster: »In meinem Kopp herrscht ein Durcheinander über Technologie. Vor allem im Bezug auf den KI-Hype. Das passiert regelmäßig, und dann muss ich aktuelle Themen kategorisieren, sortieren und irgendwie geistig in den Griff bekommen. Es wird oberflächlich, sprunghaft, fachlich zweifelhaft, höchst subjektiv und ganz sicher polemisch. (…)Ich verabscheue jede Art von Ergebnis, das generative KI ausspuckt. Bilder, Videos, Musik und Text. Und ich bin schon reingefallen auf KI-Content, den ich nicht gleich als solchen erkannt habe. ChatGPT, Gemini, Copilot usw spielen in meinem Leben keine Rolle. Bin ich out of touch oder sind es die KI-Fans, die unrecht haben?(…)« Weiterlesen … und ein kleiner Spoiler: Dort gibt’s noch mehr Lesenswertes zu entdecken.
In etwa in die gleiche Kerbe schnitzt auch der Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann in einem lesenswerten Beitrag über die »mentale Prothese KI«: »Wir erleben derzeit eine bisher ungekannte Auslagerung. Wenn der moderne Mensch das Schreiben, das kritische Bewerten, das komplexe Problemlösen und letztlich das Urteilen selbst an stochastische Systeme delegiert, verliert er weit mehr als nur ein paar kognitive Routinen. Er beraubt sich des Fundaments seiner menschlichen Handlungsfähigkeit: der Selbstwirksamkeit.(…)
Psychologisch betrachtet entsteht echtes Selbstvertrauen nicht durch den reibungslosen Konsum perfekter Ergebnisse, vielmehr durch die schmerzhafte Reibung des eigenen Erschaffens. Ich kann etwas, weil ich die kognitive Anstrengung des Scheiterns, Ringens und Korrigierens durchlitten habe. Raubt man dem Gehirn diese fundamentale Erfahrung der eigenen Urheberschaft, züchtet man eine Spezies von oberflächlich hochproduktiven, aber innerlich völlig fragilen Passagieren. « Weiterlesen auf LinkedIn (öffentlich erreichbarer Beitrag).
Kritisches auch über den möglichen Einsatz generativer künstlicher Intelligenz in Waffensystemen, vor dem Hintergrund der aktuellen Weltkrisen eine spannende Frage:
»This position paper argues that generative AI (GenAI) should be completely prohibited from controlling any weapon systems due to its fundamental unreliability and high hallucination rates. The authors demonstrate that GenAI cannot reliably reason under uncertainty—a critical requirement for military applications—citing evidence from self-driving cars where AI systems miss objects or hallucinate non-existent threats, requiring constant human oversight. Using a framework showing that autonomous agents need four levels of reasoning (Skills, Rules, Knowledge, and Expertise), they argue that current GenAI only operates reliably at the basic skills level, while weapons require expert-level reasoning under maximum uncertainty. Unlike drones that underwent 30 years of military testing before deployment, GenAI reached commercial use in just 6 years without thorough safety validation, making it too dangerous for weapons applications until hallucinations can be predicted and controlled through dedicated research programs and new testing frameworks.« Weiterlesen? Bitte hier entlang.
Ergänzend sei auf das Whitepaper »Trustworthiness for AI in Defence – Developing Responsible, Ethical, and Trustworthy AI Systems for European Defence« verwiesen. Umfangreicher Lesestoff, herausgegeben von der European Defence Agency, sperrige Perspektiven – und keine Science Fiction, leider.
Was sich Künstliche Intelligenz nennt, ist auch Menschenwerk: Prekäre Arbeitsverhältnisse, beispielsweise in Kenia oder anderswo, im Kontext der AI Smart Glasses von META und erheblichen Datenschutzbedenken – beschrieben in einer fundierten Recherche des Svenska Dagbladet. Same, same but different; beim Lesen fühlte ich mich an Berichte der »Content Prüfer« bei Facebook erinnert. Unsägliche Arbeitsbedingungen, unsägliche Bilder, hohe mentale Belastung … alles schon mal dagewesen irgendwie. Jetzt halt in Kombination mit ignoriertem Datenschutz und digitalem Laissez-Faire:
»It is an uncomfortable truth for tech giants: the AI revolution is to a large extent built on labor in low-income countries. What we call “machine learning” is often the result of human hands. (…) The employees have signed extensive confidentiality agreements – if they break them they can lose their jobs – and be thrown back into a life without income, often to the slums. Therefore we publish no names. The workers in Kenya say that it feels uncomfortable to go to work. They tell us about deeply private video clips, which appear to come straight out of Western homes, from people who use the glasses in their everyday lives. Several describe video material showing bathroom visits, sex and other intimate moments.(…)« Weiterlesen beim Svenska Dagbladet.
Geschichte wiederholt sich, Debatten um Kunst und Verfassungsschutz offenbar auch: 2024 schlug die Berliner Justizsenatorin Badenberg (CDU) vor, künstlerische Förderfähigkeit durch den Verfassungsschutz klären zu lassen. Carsten Brosda, Hamburger Kultursenator, konterte seinerzeit in der Süddeutschen Zeitung:
»Unsere liberale Gesellschaft macht es uns hier nicht einfach. Sie verlangt uns ab, auch Dinge auszuhalten, die wir unaushaltbar finden. Sie tut das, weil jede Alternative noch unaushaltbarer wäre. Freiheit ist anstrengend, aber sie wird genau dort konkret, wo wir eben nicht mehr einverstanden sind. (…)
Wir müssen damit umgehen, dass das rechtlich Zulässige nicht für jeden von uns auch das ethisch Richtige sein muss. Und es ist der freiheitliche öffentliche Raum, der die Auseinandersetzung darüber überhaupt erst ermöglicht. Eine freiheitliche Gesellschaft nimmt sich selbst und ihre Bürgerinnen und Bürger in die Pflicht, Aussagen im Zweifelsfall nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Weil es eben keine andere Instanz gibt, die diese Aufgabe übernehmen könnte oder gar sollte. Was wir aushalten können und müssen, ist somit stets Gegenstand der Debatte und lässt sich kaum in Gesetze fassen. (…)
„Kunst muss … zu weit gehen, um herauszufinden, wie weit sie gehen darf“, sagte Heinrich Böll vor fast 60 Jahren in seiner Wuppertaler Rede zur Freiheit der Kunst. Eine offene Gesellschaft muss aushalten, dass dabei Positionen bezogen werden, die grundfalsch oder gar gegen den gesellschaftlichen Konsens gerichtet sind.« Weiterlesen in der SZ (Paid Content!)
Ein Ansatz, der offenbar Vater des Gedanken von Wolfram Weimer, Bundesbeauftragter für Kultur und Medien, war: Drei Buchhandlungen, ausgeschlossen von der Prämierung, offfensichtlich über das Votum der Jury hinweg, schreibt Dr. Jasper Prigge in der aktuellen Pressemitteilung seiner Kanzlei:
»Die Jury hat in ihrer Stellungnahme vom 09.03.2026 klargestellt, dass sie die drei Buchhandlungen als Preisträgerinnen vorgesehen hatte. Die nachträgliche Entscheidung, die drei Buchhandlungen von der Prämierung auszuschließen, sei von dem BKM getroffen worden und hätte außerhalb des Einflussbereichs der Jury gelegen. (…) Indes ist auch bekannt geworden, dass zwei der drei ausgeschlossenen Buchhandlungen sogar als „besonders herausragende Buchhandlungen“ prämiert worden wären und einen Preis in Höhe von 15.000 Euro erhalten hätten. Es handelt sich um die Buchhandlungen Golden Shop (Bremen) und Rote Straße (Göttingen). „Nicht nur der Streitwert der Klagen hat sich dadurch erhöht. Es wird auch deutlich, dass der Bundesbeauftragte keinerlei Respekt vor der Fachjury hat.“, so RAin Voigt weiter.«
Eine überaus bedenkliche Entwicklung, ein unsäglicher Durchgriff auf nicht genehme Meinungen über den Umweg des Verfassungsschutzes. All das bleibt hoffentlich nicht ohne Konsequenzen für den Kulturbeauftragten; ich schenke mir weitere Ausführungen mit dem Hinweis auf den erwähnten, aus meinem Archiv gefischten Denkanstoß von Carsten Brosda.
Zum Schluss Schönes, das habe ich mir angesichts des »Wütens der Welt« (frei nach Marten t’Hart) für die Bloggerei vorgenommen: Renatus Deckert, auf den ich via Bluesky stieß, schreibt ganz wunderbar, warmherzig und lesenswert; über seine Familie, über Vergangenes, das in der Gegenwart widerhallt, über Bewahrenswertes, Berührendes und Nachdenkliches. Oft mit einem Augenzwinkern, einem Faible für Details und kleine Dinge, mit leiser Melancholie und stiller Heiterkeit. Sein Blog »Wolken und Kastanien« ist ein poetisches Gesamtkunstwerk zum Entdecken, zum sich festlesen an einem ruhigen Abend oder Wochenende. Viel Vergnügen beim Stöbern!
(Wie immer sind weiterführende Links farblich gekennzeichnet, ein Klick öffnet ein neues Fenster.)