Lesestoff – 21.02.2026

Turbulente Zeiten und mindestens ebenso turbulente Diskussionen mit vielen interessanten Aspekten und Erkenntnissen. Grund genug, zum Wochenende eine Leseliste mit spannenden Themen zusammenzustellen.

Cloud Act und Co, KI, Soziale Netzwerke: Was sich da seit einiger Zeit zusammenbraut, sollte jede*n Netznutzer*in nicht nur ins Nachdenken, sondern ins Handeln bringen. Der Versuch des Durchgriff amerikanischer Behörden in geteilte, möglicherweise regierungskritischer Informationen ist weitreichend.

»The Department of Homeland Security is expanding its efforts to identify Americans who oppose Immigration and Customs Enforcement by sending tech companies legal requests for the names, email addresses, telephone numbers and other identifying data behind social media accounts that track or criticize the agency. In recent months, Google, Reddit, Discord and Meta, which owns Facebook and Instagram, have received hundreds of administrative subpoenas from the Department of Homeland Security, according to four government officials and tech employees privy to the requests. They spoke on the condition of anonymity because they were not authorized to speak publicly.«

Quelle: https://www.nytimes.com/2026/02/13/technology/dhs-anti-ice-social-media.html

Derweil wird hier zum gefühlt hunderttausendsten Mal über eine Klarnamenpflicht im Internet gestritten. Eine Zombie-Idee, die gefühlt alle Jahre wieder auftaucht und mindestens so oft wie ihr Auftauchen immer noch kompletter Unfug ist: Hass und Hetze werden nicht nur unter Pseudonymen verbreitet, sondern auch unter Klarnamen. Es ändert nichts – und vielleicht sollten sich Befürworter*innen dieser Klarnamenpflicht mit denjenigen unterhalten, die – aufgrund ihres Auftretens unter Klarnamen – bereits unliebsame Begegnungen mit ganz handfesten Bedrohungen hatten. Die diversen Runden der Urheberrechtsdebatte gingen bei vielen, die sich pro Urheberrecht ausgesprochen und für die Positionen ihrer Berufsverbände stritten, mit Doxxing, DdOS-Attacken auf Websites und vielem mehr einher. Anonymität und Pseudonyme haben wichtige Schutzfunktionen und sind mitnichten ein »Webfehler des Web«: Ob Whistleblower, Gewaltopfer, Menschen in autoritären Staaten oder Minderheiten – sie alle haben ein Recht darauf, legitime Kritik zu üben. Dass sie das nicht nur ihren Job, sondern auch ihre körperliche Unversehrtheit oder gar ihr Leben kosten könnte, scheint kein Befürworter einer Klarnamenpflicht zu verstehen.

Unabhängig davon schützt eine solche Pflicht keinesfalls; nicht vor Identitätsdiebstahl oder gefälschten Identitäten, vor Wegwerfaccounts oder vor Umwegen über ausländische Plattformen. Sie macht lediglich – aus der komfortablen Perspektive der Macht – Schwächere identifizier- und verfolgbar. Mit Blick auf die Vorgehensweise von ICE in den USA kann das keine Option sein. Mit Blick auf eine im Netz völlig kaputtgegangene Diskurskultur ebenso nicht: Dagegen hilft nur konsequentes Einschreiten, Moderation, Löschung und Sperrung, Strafverfolgung justiziabler Inhalte; insofern gehören vor allem die Plattformbetreiber juristisch zur Rechenschaft gezogen – für Inhalte und vor allem für das Design ihrer Plattformen, die Empörungsspiralen und toxische Verhaltensmuster nicht nur fördern, sondern durch Reichweite belohnen.

»Für mich beinhaltet die Meinungsfreiheit nicht nur meine Meinung äußern zu können, sondern mich auch entscheiden zu können, ob ich sie anonym äußere oder nicht.« sagt Benjamin Limbach, NRW-Justizminister (Bündnis90/Die Grünen) dazu. Auch sein Kollege, Medienminister Nathanael Liminski (CDU) sieht die Plattformanbieter in der Pflicht, endlich gegen die Diskursverzerrung und -verrohung durch Bots und Fakeprofile vorzugehen. Die hörenswerten Sendungen des WDR gibt es hier: https://www1.wdr.de/nachrichten/landespolitik/klarnamenpflicht-social-media-merz-100.html

Warum die Sache mit der Klarnamenpflicht, zu der auch eine Verifizierung mittels z.B. eingescanntem Personalausweis gehören kann (z.B. LinkedIn), absolut keine gute Idee ist, beschreibt Brian Krebs, Journalist und Autor von Krebsonsecurity.com, auf seinem LinkedIn-Profil: Sage und schreibe 17 Unternehmen greifen bei einer solchen Verifizierung sensible Daten wie Name, Passfoto, Selfie, Gesichtsgeometrie, NFC-Datenchip, nationale ID #, Ge burtsdatum, E-Mail, Telefonnummer, Adresse, IP-Adresse, Gerätetyp, MAC-Adresse, Sprache, Geolokalisierung ab. Überraschung: Unter ihnen sind auch US-KI-Unternehmen wie Anthropic und OpenAI. Die Zusammenstellung gibt es hier im Detail: https://thelocalstack.eu/posts/linkedin-identity-verification-privacy/

Fazit: Lasst es einfach bleiben. Zwei interessante Dialoge mit Einkaufsportalen gab’s dann auch noch; es ging um die Löschung meiner dort angelegten Profile und eine längst nicht mehr existierende Mailadresse. Trotz mehrerer ausführlicher Mails, zweier Telefonate – die ein wenig, nun ja, temperamentvoller wurden meinerseits – bestanden beide Unternehmen darauf, entweder meinen eingescannten Personalausweis oder ein anderes vergleichbares Dokument (Reisepass, Führerschein …) zu erhalten, aus dem meine Identität hervorginge. »Ach, Sie haben technische Probleme mit Ihren Mailadressen, ja wenn Sie sich mit der Technik nicht so auskennen…« nölte mich ein Servicemitarbeiter an. Nein, habe ich nicht – die betreffende Mailadresse war Teil eines Datenlecks, darum deaktiviert. Jedenfalls habe ich mit deutlichen Worten die Übermittlung von persönlichen Dokumenten abgelehnt, die betreffende Mailadresse kurzfristig reaktiviert und damit war der Fall erledigt. Auch so verliert man Kund*innen – denn auf diesen beiden Portalen werde ich mit Sicherheit nie wieder irgendetwas kaufen. Bei dieser Gelegenheit habe ich gleich noch ein paar steinalte Logins gelöscht bzw. deaktiviert und Passwörter geändert; digitaler Frühlingsputz, nächste Runde. Bis auf LinkedIn wird es von mir künftig keine erkennbaren Profilbilder mehr geben, jedenfalls weder auf Facebook noch auf Instagram, auch nicht bei Signal, Threema oder anderen Plattformen. Seit kurzem ist dort lediglich ein stilisierter Drache zu sehen – ein kleiner Hinweis auf mein chinesisches Sternzeichen (von dem mancher behauptet: Passt, so grundsätzlich).

Sonst noch so, zum Hören/Sehen:

Der Podcast des Deutschen Fotorats, in dem Dr. Jürgen Scriba und Boris Eldagsen über aktuelle Auswirkungen von KI auf Fotografie diskutieren. Folge 13 ist aktuell auf Youtube oder Spotify erschienen, iTunes ist in Planung. (Aus Gründen hier keine Verlinkung auf Spotify.)*

Jan Skudlareks Podcast, Ausgabe #26 mit Aya Jaff, Autorin des Buches „Broligarchie – Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern”; lesenswerte Lektüre über Tech-Bros, Egos, toxische Vormachtstellungen, KI und deren negativen, schädlichen Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Die aktuelle Ausgabe von TIME mit einem bemerkenswerten Cover – Porträts sehr unterschiedlicher Menschen mit höchst unterschiedlichem Hintergrund, die sich kritisch und begründet über Künstliche Intelligenz äußern. Mehr dazu hier: https://time.com/7377579/ai-data-centers-people-movement-cover/

Ein aktueller Text über Pläne von Spotify zum Umgang mit Original-Musik: Wertschätzung Fehlanzeige, stattdessen »Wenn Songs zunehmend als modifizierbare Rohmaterialien verstanden werden, könnte sich die Wahrnehmung musikalischer Werke von einem abgeschlossenen kreativen Ausdruck hin zu einem offenen Baukastensystem verschieben.« Fazit: Weg da, von dieser Plattform. Wegen solcher Pläne ebenso wie wegen der unterirdischen Bezahlung von Künstler*innen. Weiterlesen bei BackstagePro.

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