Gisèle, Noella, Collien – Zeit, dass sich etwas ändert….

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Drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, teilen ein gemeinsames Schicksal: Die Erfahrung sexualisierter Gewalt. Ihre Geschichten sind bekannt, werden diskutiert. Was allerdings nach ihrer Entscheidung zu Öffentlichkeit und ihrer Forderung nach Sanktionierung und Gerechtigkeit kam und kommt, hinterlässt mich fassungs- und sprachlos. Denn die Diskussion über sexuelle Gewalt offenbart vielschichtige und tieferliegende Probleme. Die verbale Abwertung der Opfer zunächst, geprägt von vielen männlichen Kommentierenden; auf einmal taucht der Begriff »Unschuldsvermutung« auf in der Debatte. Die Forderung, man möge doch die Gerichte über Schuld und Unschuld entscheiden lassen, anstelle auf Basis persönlichen Erlebens zu urteilen. Erstaunlicherweise stammt dieser Gedankenmüll oft genug von denen, die sich in anderem Kontext, bei anderen Gewalttaten, einen feuchten Dreck um eben jene Unschuldsvermutung oder die Zuständigkeit von Gerichten scheren. »Vox populi, vox Rindvieh« pflegen Juristen das zu umschreiben.

Über Entsetzen und Traurigkeit hinaus bin ich allerdings vor allem zornig. Denn der Gewalt liegt Erziehung zugrunde. Sie beginnt früh – und sei es auch »nur« in der Nachbarschaft, wenn ein Achtjähriger seine jüngere Schwester von der Schaukel schubst, sie anbrüllt »Mädchen sind zu doof dazu« und die Eltern in Hörweite nicht widersprechen. Überwiegend waren Frauen – und sind es immer noch – für Kindererziehung zuständig. Wie erziehen also verdammt nochmal Frauen ihre Söhne? Ihre Söhne, aus denen Männer werden, die bestenfalls schweigen zu all dem. Die mit dämlichen Witzen und Anzüglichkeiten beginnen, übergriffig zu werden, denen essentielle Fähigkeiten des Selbstmanagements komplett fehlen, die Frauen benutzen, ob als Haushälterin, Lebenshelferin, Mutter, Hure, Projektionsfläche für eigene Defizite und vieles mehr. Männer, die unfähig sind, Konflikte auszuhalten und vor allem in gegenseitigem Respekt zu lösen. Männer, die zu solch monströsen Taten wie diesen drei Frauen gegenüber fähig sind .. und sich obendrein als Opfer wähnen.

Drei Frauen, deren Freiheit und Selbstbestimmung mit Füßen getreten wurde. Deren Selbstbestimmtheit und Freiheit bedeutet, öffentlich zu machen, auszusprechen, was war und ist. Und was das mit ihnen gemacht hat. »Die Scham muss die Seite wechseln«, sagte Gisèle Pélicot. Drei Frauen, die stellvertretend für so viele stehen, deren  Scham und Leid und Trauma in der Stille bleibt: Vergewaltigung als Kriegswaffe gegen Frauen ist nichts Neues, die furchtbaren Details der sexuellen Gewalt gegen Frauen des Hamas-Massakers im Oktober 2023 sind allzu präsent. Noelia Castellanos Vater versuchte, seine Tochter vor Gericht daran zu hindern, ihr Leben nach Vergewaltigung und Selbstmordversuch zu beenden. Gewalt setzt sich fort, über die Verletzung körperlicher Autonomie und Unversehrtheit (kein Frauen-, sondern ein Menschenrecht!) hinaus: in der Negierung des Rechts auf Öffentlichkeit. In der Verleugnung von Selbstbestimmung. In den vielen, üblen Diskussionsbeiträgen nicht nur von Männern, sondern erschreckender Weise auch von vielen Frauen. Unter ihnen sind nicht wenige, die unsägliches victim blaming betreiben, »hätte sie geschwiegen, sie hat doch eine Tochter, das arme Kind« oder unterstellen, dass eine äußere Attraktivität zu den verbalen Angriffen beitragen könnte. Faktor Neid, formuliert von Frauen – was für ein gruseliger Irrtum (freundlich ausgedrückt).

Obendrauf ein Bundeskanzler, der die Schuldzuweisung physischer und sexualisierter Gewalt nahezu ausschließlich an Migranten adressiert. Auch das hinterlässt mich fassungslos: Gewalt ist kein originäres Problem von Herkunft oder Ethnie, sondern eine Frage von Sozialisation, von Traumatisierung in unterschiedlichem Kontext – und überwiegend von Männern. Vielleicht sieht man das anders, wenn man – wie Friedrich Merz – 1997 gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt hat. 30 Jahre sind offenbar eine lange Zeit; historisch betrachtet ist so ein Zeitraum allerdings ein Fliegenschiss. Denn, auch aus dem Blickwinkel Generationenverantwortung und Geschichte, ist »aus Opfern werden Täter« eine nicht ganz so Erkenntnis von Psycholog*innen und Forscher*innen. Die Generation der Kriegsväter, -kinder und -enkel kann davon ein unschönes Lied singen: Erziehung mit Schlägen und Schuldzuweisungen, ob an die Mütter, deren Kinder – und eine Johanna Haarer, derer abstruse Bücher über Erziehung bis Ende der 60er Jahre zur Standardliteratur gehörten. »Die Deutsche Mutter und ihr Kind« war ein Standardwerk der nationalsozialistischen Kindererziehung zu Härte, Bindungslosigkeit und emotionaler Verkrüppelung, das in vielen Bücherschränken stand. Zur anekdotischen Evidenz meiner Generation (und meines persönlichen Umfelds) gehören dank der Gnade der frühen Geburt tatsächlich noch »Kriegsväter«, die im Zweiten Weltkrieg als sehr junge Menschen kämpften, Stalingrad, den Untergang der Scharnhorst oder der Wilhelm Gustloff überlebten – und Dinge erlebten, taten, sahen, die sie zutiefst traumatisiert hinterließen. Die Kombination aus Erziehung, Erfahrung und Überleben danach sich in vielen Familien ausgewirkt: Abwesende Väter, deren »Konfliktlösung« aus Gewalt und Schlägen bestand. Oder aus Schweigen, Unzuverlässigkeit, Sucht und Alkoholmissbrauch, Frauenfeindlichkeit und Aggression. Oder aus allem zusammen.

Müsste ich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen beschreiben, würde ich es eventuell freundlich »zutiefst unentspannt« nennen. Und stelle mit zunehmenden Jahresringen fest: An den Ebenen der Auseinandersetzungen, der Aggressionen und ja, auch der Gewalt, hat sich wenig bis nichts verändert.  Für Frauen ist all das gewachsener und anscheinend unausrottbarer Teil ihres Alltagslebens.  Allein auf dem nächtlichen Heimweg, angsteinflößend, vor allem im Dunklen und in eher unbelebten Gegenden. Die Wahl ihrer Kleidung, denn »vielleicht war der kurze Rock ja doch eine verkappte Einladung«. Die übergriffigen Ignoranz eines Nein, das »ja vielleicht doch ein Ja gewesen sein könnte«. Unterirdischen Diskussionen, deren Aggression Frauen gegenüber deutlich größer ist als Männern. Die Geisteshaltung der Techheads von Karp bis Thiel, die in Interviews unverhohlen von der Zurückdrängung gebildeter, eigenständiger Frauen zugunsten von Männern fabulieren. Gedankenspiele zur Abschaffung eines Wahlrechts für verheiratete Frauen. Die Übergriffigkeit und Anmaßung, über weibliche Körper, Fortpflanzung und ein Recht auf Abtreibung entscheiden zu wollen (bis hin zu Gesetzentwürfen in Tennessee, die Abtreibung unter Todesstrafe stellen). Schweigen, die Verweigerung, sich zu positionieren, gar zu verteidigen: All das von Männern. Und viel erschreckender, weil unsolidarisch, verächtlich und verachtend, frauenfeindlich und übergriffig ebenso, auch von vielen Frauen, die sich auf die Seite der Täter stellen mit all ihrer Häme, ihren Schuldzuweisungen, ihrer Abwertung. Sie machen sich allesamt auf diese Weise zum verlängerten Arm struktureller Gewalt und sind Teil des Problems.

Über alle Wut hinaus bin ich dankbar: Für meine Familie, die mich »anders« erzog. Die mir beibrachte, bevorzugt in der Kategorie »Mensch« jenseits von Geschlecht, Ethnie, Hautfarbe oder Herkunft zu denken. Von der ich lernte, nicht vorschnell zu urteilen, sondern hinzuschauen und nachzudenken. Die mich nie mit Rollenklischees konfrontierte, »ein Mädchen tut so etwas nicht« war nie Thema. Stattdessen bestärkten mich die selbstbestimmten Frauen meiner Familie darin, auszuprobieren, zu versuchen und zu wagen, in der Gewissheit: Sie standen hinter mir, falls etwas schiefgegangen wäre oder nicht gelang. Im Rückblick bin ich nicht nur für diese Sozialisation dankbar, die das Ergebnis dreier Generationen starker Frauen vor mir ist. Sie waren nicht immer freiwillig so, haben sich durchgewurschtelt,  auf manches verzichtet, schmerzliche Erfahrungen sammeln müssen und hatten dennoch ihr Leben im Griff. Dankbar bin ich auch für unfassbar viel Glück, denn zusätzlich zu dieser Erziehung bin ich körperlich eher das Modell »Walküre«, mit 182cm ohne Absätze gesegnet und habe gelernt, mich im Fall des Falles zu wehren: Verbal, aber auch physisch; dass ich bis auf einige kleinere Grabschereien von der Erfahrung körperlicher oder sexueller Gewalt verschont blieb, werte ich allerdings als glückliche Fügung und Zufall.

Eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Was für mich Normalität ist, irritiert andere Menschen um mich herum bisweilen sehr. Das sind dann eher triviale Dinge wie jeden Baumarkt von innen zu kennen, dafür keine einzige Modeboutique, keinen einzigen Schuhladen; den Umgang mit Motorsäge und anderem groben Werkzeug zu beherrschen, Motorrad zu fahren, Computer zu schrauben und zu warten, als Kind auf Bäume zu klettern und mit aufgeschlagenen Knien heimzukommen, mich mit den Jungs herzhaft zu prügeln, weil die »zickigen Heulsusen mit ihren Barbiepuppen« mir zu langweilig und zu anstrengend waren. Mich in Diskussionen zu stürzen, on- wie offline, mit dem einzigen Blickwinkel »Hab ich genug Ahnung, um die Klappe aufzureißen« und nie mit »huch, ich bin die einzige Frau in der Runde«. In berufsverbandlichem Kontext hat mir das gelegentlich mehr als gerunzelte Stirnen und hochgezogene Augenbrauen beschert, wenn ich von Frauen mehr Rampensau-Gen forderte und das keinesfalls als Imitation männlichen Imponiergehabes verstand, sondern als »was zu sagen haben und dazu stehen«. All das betrachte ich mit zeitlichem Abstand und einer gewissen Heiterkeit. Stelle fest, dass mein respektvollstes Arbeitsumfeld überhaupt eine Großbaustelle mit hunderten Männern  und maximal fünf Frauen war. Stelle ebenso fest, dass ich Männer nicht hasse, sondern ein paar wunderbare Exemplare meine Freunde nennen darf; in gegenseitiger Wertschätzung, großer Verbundenheit und tiefem Respekt. Bin genervt von Zickenalarm und Gockelei, weil mir das alles grundsätzlich zuwider und zu anstrengend ist. Freue mich darüber, dass ich viele junge Menschen kenne, denen der Kragen platzt bei frauenfeindlichen Sprüchen, Übergriffen oder eben Gewalt in mannigfaltiger Form.

Und ganz im Stillen glaube ich auch daran, dass die Zahl der Arschlöcher auf diesem Planeten kleiner ist als die Zahl der wunderbaren Menschen. Erstere sind nur lauter.

PS: Heute keine Links. Stattdessen der Verweis auf viele kluge Menschen von Simone de Beauvoir bis Esther Perel (stellvertretend für viele genannt), die über Geschlechter und ihr Verhältnis zueinander geschrieben haben. Lohnt zu lesen, die Suchmaschinen helfen weiter.

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