Gelesenes – 17.03.2026

Draußen wird’s Frühling, die Mountainbike-Saison ist eröffnet, die Eichhörnchen jagen sich durch die Kronen der alten Bäume im Garten: Willkommene Ablenkungen zwischen dem alltäglichen Absurdistan, das aus den Nachrichten prasselt, dass einem gelegentlich Hören und Sehen vergeht. Gedanken im Kopf, ob an Gelesenes aus Bücherregal und Bibliothek, die Realität überholt alle schriftstellerische und filmische Fiktion.

Die Recherche zu einem Herzblutprojekt mit Ziel Buch stockt, auch das. Das Arolsen Archiv, die Datenbank von Yad Vashem, die Online-Suche in unterschiedlichen historischen Quellen ist anstrengend und furchtbar. Es sind nicht hunderte, nicht tausende von Datensätzen, es sind Millionen. Industrialisierter Massenmord, bei dem Menschen am Ende ihres Lebens nicht einmal mehr eine namentliche Notiz im Krematoriumsbuch von Auschwitz waren. Nur eine Nummer, nichts sonst. Aus den Fragmenten entsteht langsam die Geschichte einer Familie; gebildete, kluge und schöpferisch tätige Menschen, von denen nur zwei in der Emigration überlebt haben. Lebensläufe werden sichtbar und vor allem erzählbar, Stück für Stück zusammengesetzt aus Zufallsfunden und Detektivarbeit in winzigen, winzigsten Schritten. Die Erkenntnisse sind verbunden mit Überraschungen aller Art: Nachlässe und mit dürren Worten abgelehnte Wiedergutmachungen nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs. Querverbindungen zur UFA und zu Leitz, zur Fotoagentur BlackStar, zum Magazin LIFE sind ebenso darunter wie zu ehemaligen Firmen, Werkstücken, ehemaligen Geschäftspartnern, die Markennamen, Formensprache und berufliche Verbindungen übernahmen von den jüdischen Kolleginnen und Kollegen.

Ich hätte gerne meine Großmutter eingehender befragt zu ihren Lebzeiten. Jetzt löchere ich meine Mutter mit Fragen, ihr wunderbares Gedächtnis liefert immer wieder Anhaltspunkte für weitere Suchen; so ähnlich wie die einschlägigen Archive, die 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz immer noch Neues offenbaren: Weil sich digital vieles zusammenfügen lässt aus den einzelnen Funden. Weil selbst Museen manches (noch) nicht bekannt ist und deren Informationen – wie im Fall des US Holocaust Memorial Museums – unvollständig sind. Ein überaus interessanter und netter Mailwechsel hat sich daraus ergeben; eine neue und korrekte Einordnung einiger Erinnerungsstücke aus dem Nachlass einer Emigrantin ebenso. Es bleibt spannend, ich werde berichten.

Ein paar Lesestücke haben sich auch wieder angesammelt, darunter dieser längere Beitrag aus »The Atlantic« über den Verlust der Fähigkeit, konzentriert und vertieft zu lesen:

»Digitization is merely the latest innovation in reading, and we are still coming to terms with the cultural consequences. If skimming seemed necessary at the dawn of the Renaissance, it now feels unavoidable. The gains in information are undeniable, but the costs to attention, contemplation, and reflection are no less profound. As the economist and Nobel laureate Herbert A. Simon famously observed: “A wealth of information creates a poverty of attention.” (…)

The erosion of deep reading weakens our capacity to grasp complex ideas. This shallowing effect reshapes the public square, allowing brief snippets of emotionally charged content to crowd out nuance, and algorithms to reinforce preferences and prejudices. If deep reading cultivates empathy, the attention-fracturing, dopamine-hitting, scroll-spurring design of digital media often undermines it.

Designated e-readers can mitigate some of these problems, but research suggests that the absence of a third dimension—the fact that we do not physically turn pages—makes remembering what we read harder. The materiality of a printed book acts as a kind of memory aid.«  Weiterlesen bei »The Atlantic«.

Zwischendrin beschäftigen mich immer wieder die Bilder. Nicht nur wegen meines Berufs, bei dem sich in den letzten Jahren Bemerkenswertes verändert hat. Was mit Bildjournalismus begann, wechselte mehrfach die Richtung. Mittlerweile ist daraus ein Verbund unterschiedlicher Menschen geworden, die sich für Aufträge und Projekte immer wieder neu zusammenfinden. Design, Grafik, Typographie, Illustration, Webdesign – gemeinsam und je nach Anforderungen erdenken wir im Team Konzepte, schreiben, gestalten und beraten in sehr unterschiedlichen Bereichen von Kommunikation bis Journalismus.

Die Geschichten über Menschen und die Begegnungen mit ihnen sind geblieben. Architekturfotografie und -dokumentation sind dazugekommen, ebenso wie Innenarchitektur; das Licht, die Räume, die Linien … und die Atmosphäre – immer wieder faszinierend zu beobachten, zu erleben und in Fotografie zu fassen. Gemeinsamkeiten, die Architekten und Fotografen haben: Die Liebe zum Licht, zu den Proportionen, von der Vision zur konkreten Idee von gestaltetem Lebensraum und zum Abbild dessen, was Grundgedanke der Gestaltung war.

»Sie haben das abgebildet in Ihren Fotografien, was ich im Sinn hatte, als ich das Gebäude entworfen habe.« sagte mir während eines Interviewtermins Gerhard Lieb (Lieb Architekten BdA), Schöpfer des grundlegenden Entwurfs der Ingelheimer kING. Wir unterhielten uns in seinem Büro in Freudenstadt, verplauderten uns, waren überrascht, wieviel Zeit im Gespräch verflogen war. Die Überraschung kam einige Tage später, nachdem ich den Text für mein Buch »Neue Mitte Ingelheim« geschrieben und ihm mit der Bitte um Anmerkungen oder Korrekturwünsche geschickt hatte: Ein herzliches Dankeschön für unsere Begegnung. Und keinerlei Korrekturbedarf, im Gegenteil, »ich habe mich zu 100% in Ihrem wunderbaren Text wiedergefunden.« Die Welt der Bilder ist das eine, dort bin ich zuhause, immer noch und immer wieder. Und doch gibt es Sprache, Bücher, Schreiben – ein anderer Teil meiner beruflichen Welt zwischen ergänzenden Texten zu Reportagen, Blogs wie dem Live-Blog zur DIVE’25 des Deutschen Designtags und der Freude am Geschichten erzählen. Oder dieses Blog – in dem ich immer wieder gern Gelesenes teile, die Fundstücke, die meine grauen Zellen ordentlich durchmischen, meine Gedanken auf Trab halten, mich beflügeln und inspirieren für Neues.

Schönes zum Schluß: »Denn im alten Holunder am Spielplatzrand, in dem mehrere Jahre lang die komplizierte Dreierbeziehung der Ringeltauben mit einigermaßen unklaren Rollenverteilungen genistet, gelebt und gebrütet hat, haben nun die spielplatzbeherrschenden Elstern vermutlich per Eigenbedarfskündigung das Recht auf die entscheidende Astgabel erwirkt. Sie haben die Tauben also schlichtweg rausgeworfen und deren alte Heimat besetzt. So rücksichtslos, wie es bei Eigenbedarfskündigungen meist zugeht.« Vergnügliche Beobachtungen, grandioser Humor und leise Töne – das ist das Blog »Buddenbohm & Söhne« von Maximilian Buddenbohm aus Hamburg. Leseempfehlung, auch für die Blogroll drüben auf seinem Blog. (Was mich daran erinnert, hier noch eine entsprechende Rubrik einzuführen.)

Links sind wie immer farbig gekennzeichnet. Viel Vergnügen! 😉

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