Erinnerungsecho (03)

Die Spuren in Archiven mit den Erinnerungsfragmenten und Notizen der Erzählungen meiner Großmutter zusammenzufügen, das bringt mich immer wieder zum Staunen. Berührt mich, lässt Tränen fließen. Eine Art lebendiges Geschichtsbuch ist das, von dem ich bisweilen Abstand gewinnen muss. Es braucht Pausen des Recherchierens, für die Nachdenklichkeit und auch für die Trauer. Denn unter den Toten sind junge Menschen; ein fünfzehnjähriges Mädchen, das ihren 16. Geburtstag nicht mehr erleben durfte. Ein junger Mann, Student, 22 Jahre alt wurde er, bevor man ihn mit dem allerersten Transport aus den Niederlanden nach Auschwitz schaffte und dort nur kurze Zeit später umbrachte.

 

Virtuelle Spaziergänge in den niederländischen Straßen, in denen die Mitglieder der Familien Grünebaum und Zerkowsky ihre letzte Wohnung hatten, sind doppelbödig und gruselig: Die Kameras von Google haben ganz unterschiedliche Gegenden eingefangen; manche Kleinstadtidylle mit hübschen, auf Hochglanz polierten Häuschen. Hinter Sprossenfenstern stehen Grünpflanzen und hängen Spitzengardinen. Grüne Vorgärten mit Blumen und Bäumen, ein paar kleine Läden, die Straßenzüge wirken friedlich und freundlich. Die Häuser sind dieselben und lassen nicht mehr ahnen, welches Leid sie gesehen haben. Wissen es die heutigen Bewohner?

 

Wo noch vor wenigen Jahren schmalbrüstige Wohnhäuser standen, befindet sich heute gesichtslos Neues. Streetview zeigt in Hilversum ein Einkaufszentrum, ein paar digitale Schritte weiter steht noch eins der Häuser mit einem sichtlich in die Jahre gekommenen, heruntergekommenen Hinterhaus. Ein kleiner Eindruck ist geblieben, was das einst für ein Viertel war. Dann macht man als digitaler Besucher noch einen Schritt weiter die Straße entlang. Dreht sich um. Und stellt überrascht fest: das schmale Häuschen ist fort, auf der Abbruchfläche parken Autos. Zeitversatz in den digitalen Spaziergängen, in einem Sekundenbruchteil erinnert nichts mehr an die ehemaligen Bewohner. Im Eckhaus zur nächsten Straße ist ein indischer Laden. Die Hilversumer Langgewenst bestand aus rund 20 schmalen Häuschen, im Haus Nummer 18 wohnte die Familie Grünebaum bis zu ihrer Deportation. Heute steht dort, wo im vergrößerten Kartenausschnitt noch die ehemaligen Hausnummern sichtbar sind, ein Großkino mit Einkaufszentrum. Mir kommt das vor wie eine Art glitzerndes Zeugnis eines beschämenden Vergessenmachens.

 

Überlebende gab es auch, Töchter, Söhne, Brüder. Einige wenige jedenfalls, denen kein glückliches Leben mehr beschieden war: Die Sterbeurkunden erzählen von Herzinfarkten und Schlaganfällen, von schwerer Krankheit und frühem Tod. Die Einbürgerungsurkunden derer, die Deutschland rechtzeitig verlassen konnten, tragen andere Namen: Sie legten ihre ursprünglichen Familiennamen ab, brachen die Reste der von anderen zerstörten Brücken auch noch ab, versuchten weiterzuleben, irgendwie. Die Erinnerungen konnten sie nicht abstreifen.

 

In einer Traueranzeige, die Grete Frank geb. Zerkowski aufgab, ist zu lesen, dass noch 1946 über den Suchdienst des Roten Kreuzes lediglich bekannt war, dass ihr Bruder Martin und seine Frau Gertrud, genannt Trude, in Sobibor umgebracht wurden. Von der fünfzehnjährigen Tochter Eva fehlte jede Spur. Ebenso wie von Frieda Grünebaum (geborene Zerkowski), ihrem Mann Max und den beiden Söhnen Walter und Günter. Es gab keine Gewissheit, für viele Schicksale gibt es noch immer nur Wahrscheinlichkeiten, Vermutungen und Unterlagen des »für tot erklärt«. Es gibt keine Gräber. Nicht in Sobibor, nicht Au schwitz, nicht in Theresienstadt, wo die Leisers starben. Es gibt nur noch Asche, die verweht ist und sich schon lange mit der Erde unter den Füßen der Besucher in Auschwitz und Theresienstadt vermischt hat.

 

»…dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng…«* 

 

In Terezín, wie Theresienstadt heute heißt, das ich vor langer Zeit besucht habe, ohne die Geschichte von Arthur und Toni Leiser zu kennen. Ein Stein von dort lag lange bei mir im Bücherregal. In Sobibor wachsen Bäume, wo das Vernichtungslager stand. Bäume, angepflanzt von den Mördern, um ihre Verbrechen zu verbergen. Keine Gedenkstätte, kein Dokumentationszentrum, oo In Auschwitz war ich noch nicht. Irgendwann, vielleicht. Die fotografischen Eindrücke von Martin Blume hat Uwe Martin (»Bombay Flying Club«) zu einem beeindruckenden Video zusammengefügt.

 

Ende der 40er Jahre muss es traurige Gewissheit gegeben haben für die Überlebenden der Familie Zerkowski. Grete Zerkowski Franks Spuren verlieren sich in den 60er Jahren in New Jersey. Emma, die Mutter von Martin, Frieda und Herbert, starb 1949 in London St. Pancreas an einem Herzinfarkt. Ihr Sohn Herbert, der dank der Heirat mit Elvira Gay die britische Staatsbürgerschaft erhielt und den Holocaust in London überlebte, änderte kurz darauf seinen Namen – und brach alle Verbindungen nach Deutschland ab. So wie Gela, die Tochter der Leisers, die in Theresienstadt verhungerten und von denen als letzte Spur ein Eintrag im Geschäftsbuch des Theresienstädter Krematoriums übrig blieb. Georg Leiser, Arthurs Bruder, verließ an einem Sommertag im Juli 1944 die Wohnung, die er mit seiner »arischen« Frau Else Margarethe teilte. Drei Tage später, am 14. Juli, wurde er unter einer Main-Brücke in Frankfurt ertrunken aufgefunden. Sein Name findet sich auf einer Liste verstorbener jüdischer Menschen aus Frankfurt. Eines natürlichen Todes starben nur wenige von ihnen, Todesursachen wie Cyankali, Gasvergiftung, Ertrinken sind akribisch genau vermerkt.

 

»Der Tod ist ein Meister aus Deutschland….«*

 

Im Archiv des niederländischen Jewish Monuments sind Fotos von Albert Walter Grünebaum zu finden. Außer dem Foto meiner von Freunden umringten Großmutter sind das die einzigen Bilder, die übrig geblieben sind von der Familie Zerkowski-Grünebaum. Ein junger Mann mit dunklen Augen und noch weichen Gesichtszügen lächelt in die Ferne. Die Ähnlichkeit mit seinem Onkel Herbert Zerkowski ist deutlich. Und sie wird noch deutlicher auf dem zweiten Foto: Das jungenhafte, heitere Gesicht von Walter, Friedas und Max‘ älterem Sohn, ist ernst geworden. Die hageren Gesichtszüge und sein Blick direkt in die Kamera und zu seinem betrachtenden Gegenüber sind herzzerreißend.

 

Es wird eine Fortsetzung dieser Geschichte geben. Weil man nicht vergessen darf. 

 

Weil Georg Leiser und seine Frau Else eine Tochter namens Ilse hatten und eine Enkelin. Weil Georgs Asche auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt beerdigt wurde. Unter den Opfern des Holocaust, von denen dieser Blogpost handelt, ist er der Einzige, der ein dokumentiertes Begräbnis erhalten hat.  Weil Georgs Bruder Karl eine Studentin beherbergte, die seinen Tod in den 50er Jahren auf dem Standesamt bezeugte. Weil Georgs Bruder Berthold verschollen ist. Weil jemand die Stolpersteine von Arthur und Toni in Auftrag gab, Jahre nach dem Tod ihrer Tochter Gerda alias Gela. Weil Grete und ihr Mann Oscar es schafften, nach New Jersey zu emigrieren und den Holocaust überlebten. Weil die Namen der Familien in anderen Stammbäumen amerikanisch-jüdischer Familien auftauchen und die Vergangenheit mit der Gegenwart immer noch auf rätselhafte Weise verbunden ist. Weil das Einzige, was von so unfassbar vielen Menschen blieb, oft genug lediglich Registrierungsnummern und Einträge in Registern und Archiven sind. Oder, wie im Fall der Familie Zerkowsky, eine Liste des Wohnungsinventarsdas auch Spielzeug im Flur des Hauses Gijsbrecht van Amstelstraat 258a in Hilversum erwähnt.

 

*Die beiden Zitate stammen aus Paul Celans »Todesfuge«.