Betrachtung

Betrachtung

  • Ärgernisse in Digi-Land

    Fließende Übergänge zwischen undigitalen Generationen und digitaler Welt sorgen für die einen für viel Arbeitserleichterung und Zeitersparnis. Für diejenigen Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen fern der digitalen Infrastruktur sind, artet das mitunter in grobe Ärgernisse aus. Zwischen Frustration, Behördendeutsch und Anmaßung derer, die selbstverständlich Besitz und Kenntnisse im Umgang mit Computern, Smartphones und Internet voraussetzen, liegt ein weites Feld. Trotz aller Bemühungen ist die schöne neue Technikwelt für meine Mutter ein Buch mit sieben Siegeln: Gemeinsam haben wir versucht, Smartphones, Tablets und Computer für sie beherrschbar zu machen. Vergeblich, denn sie gehört zur Kategorie »Techniktrottel mit null Verständnis und Interesse an dem ganzen…

  • Strolling …

      The chance of great discoveries, of photography »just for fun« and just for the preciousness of a volatile moment of thought, perception and observation is one of the great gifts life is offering day by day. Different people with different concepts come to my mind: Saul Leiter’s »In no great hurry« as well as Sten Nadolny’s «Discovery of Slowness« or Marcel Proust’s »In Search of Lost Time«. A thousand reasons to enjoy the composition of light and colors, of blurred people in a hurry and a cup of coffee.   »The inevitable is what will seem to happen to you purely by…

  • Perspektiven…

      Inmitten aller schrecklichen Bilder und Nachrichten bin ich froh, dankbar und glücklich, immer wieder Schönes und Heiteres fotografieren zu dürfen. Es hält mich zusammen, sozusagen. Und vielleicht schärft die Begegnung mit dem Schrecken auch den Blick für die kleinen Dinge, für das Licht, die Farben, für Anmut und Eleganz.   Eine Perspektive, die ich zu bewahren hoffe, weil sie mich durch Angst, Dunkelheit und Trauer trägt.  

  • Erinnerungsechos (04)

    Kürzlich fand ich in einer kleinen Schachtel im Keller ein paar vergilbte Fotos. Meine preußische Großmutter Ilse ist darauf zu sehen. Mit ernstem Gesicht, Pelzkragen und schicker Frisur ungefähr Ende der 20er Jahre, um ihren 21. Geburtstag herum. Eine junge Frau, ernst, weil nicht allzu lange zuvor ihr Vater starb. Sein Unternehmen, eine erfolgreiche Firma der Textilbranche, ist in den Wirren der großen Weltwirtschaftskrise bankrott gegangen. Die Anstrengungen, seine Familie vor den Folgen zu bewahren, haben Ilses Vater das Leben gekostet: Sein Herz blieb stehen, sie hat ihn morgens tot in seinem Bett gefunden. »So friedlich, mit einem Lächeln, ich habe ihn lange…

  • Willkommen in Absurdistan (01)

    Absonderliche Funde in Werbebeilagen, eine kleine Aufzählung: Unter den Bezeichnungen »Schlemmertopf« oder »Bauerntopf« wird Hundefutter verkauft. Für Katzen gibt’s Vergleichbares, das heißt dann »Gourmettöpfchen« oder »Paté mit feiner Sauce« aus wechselnden Grundstoffen, das die verzückt lächelnden Besitzer*in auf feinen Schälchen, mit geschlossenen Augen schnuppernd und mit Kräuterzweiglein garniert servieren. Dem verwöhnten Viehzeug halt.   Nebenan im Kühlregal finden straff durchgetaktete Zeitgenoss*innen Rosmarinkartoffeln. Vegan, klimaneutral, immerhin, ganz arg lecker angeblich, mit grüner Ernährungsampel und in Plastik verpackt. Frisch vorgegart, Zubereitungszeit in Mikrowelle oder Pfanne nur wenige Minuten. »Mehr Zeit für Genuß!« wirbt die Aufschrift für das Zeugs: 2,99€ für 250 g Fertigkartoffeln sind ein…

  • Das Licht, immer wieder

        Immer und überall sind es die Begegnungen: Mit dem Licht, das eine eher unspektakuläre Landschaft auf ganz eigene Art adelt. Das Licht, das einen berührt, die Gedanken auf Wanderschaft schickt, das Herz weit macht. Mit dem Licht im Gespräch, so könnte man das nennen: Es ist ein Dialogr aus Klängen, Farben, Assoziationen und Gerüchen, der weiter schwingt in die Linienführung eines Bildes, dessen Komposition und Ausarbeitung. Um das zu finden, muss man sich nicht zwangsläufig auf die Suche begeben; fast immer findet das Licht denjenigen, der sehenden Auges flaniert und dessen Herz offen genug ist für diese Begegnung.   Manchmal gehören…

  • Winterabendgedanke

    »I must not fear. Fear is the mind-killer. Fear is the little-death that brings total obliteration. I will face my fear. I will permit it to pass over me and through me. And when it has gone past I will turn the inner eye to see its path. Where the fear has gone there will be nothing. Only I will remain.« (Frank Herbert, Dune)

  • Erinnerungsecho 02

    Als ich Kind war, stand im Bücherregal meiner Mutter ein Exemplar von Auerbachs Kinderkalender, Jahrgang 1942. Mit Wasserflecken und Brandspuren übersät, rettete mein Großvater das Buch nach einem Bombenangriff aus der brennenden Wohnung in Berlin. Ein paar andere Bücher standen auch im Regal, Grimms Märchen, Gustav Schwabs Sammlung der Sagen des klassischen Altertums; allen sah man an, dass sie gerade noch den Flammen entrissen wurden.   In der Nachbarwohnung in der Martin-Luther-Straße 60 in Schöneberg lebten Arthur und Toni Leiser, ein älteres Ehepaar. Er war erblindet, meine Mutter erinnert sich noch daran, dass die beiden immer erst nach Einbruch der Dunkelheit mit ihrem…