Beobachtung

Beobachtung

  • Notizen von unterwegs: Zum Goldenen Tiger

    Prag - ©HeikeRost.com - Alle Rechte vorbehalten.

    Wehe dem Gast, der im „U Zlatého Tygra“ einen der Stühle besetzt, die mit der Rückenlehne schräg am Tisch lehnen! Die Kellner verscheuchen den Besucher ziemlich schnell, sind diese Stühle doch einzig den Stammgästen der Prager Bierstube vorbehalten, die nachmittags ab drei Uhr das kleine Lokal mit lautstarkem Leben erfüllen. Eigentlich ist es immer voll dort, Stimmengewirr im Raum, das geleerte Bierglas wird flugs durch ein frisch gefülltes ersetzt. Pilsener Urquell frisch gezapft vom Fass, das beflügelt Gedanken und Sprache. Mancher Gast sitzt schweigend, sinnierend dort, blickt vor sich hin, denkt und träumt mit lebendiger Mimik, erzählend auch ohne Worte: Stundenlang. Gesichter voller…

  • Notizen von unterwegs: Valentinstag

    »When you are old and grey and full of sleep, And nodding by the fire, take down this book, And slowly read, and dream of the soft look Your eyes had once, and of their shadows deep;   How many loved your moments of glad grace, And loved your beauty with love false or true, But one man loved the pilgrim soul in you, And loved the sorrows of your changing face;   And bending down beside the glowing bars, Murmur, a little sadly, how Love fled And paced upon the mountains overhead And hid his face amid a crowd of stars.«  …

  • Wortschätzchenallerlei (01)

    Frühlingzeit ist Sachensucherwortfindezeit: Wenn mich eine wunderbare Kundin anruft und von den ersten Schlotfegerli in ihrem Garten schwärmt. Kurz war ich verblüfft, dann erinnerte ich mich: An meine Lieblingstante und ihren Frühlingsgarten mit den vielen, kleinen Blüten. Manche von ihnen duftend, die meisten schon früh im Jahr blühend wie Schneeglanz und Schneeglöckchen. Schlotfegerle, so nannte auch Tante Marie die blauen und weißen Traubenhyazinthen mit ihrem zarten, an Moschus erinnernden Duft. Muscari heißt die Gattung deswegen, die Zwiebeln einiger Sorten werden in Griechenland in Essig eingelegt und wie Perlzwiebeln gegessen.   Zu meinen Lieblingsgartenwortschätzchen gehören auch zwei Pflanzen, die nicht miteinander verwandt sind und…

  • Reisenotizen: Hochzeit fränkische Art

    Vor dem Standesamt drängeln sich Brautpaare, mal im Trachtenlook, mal in Rockabilly-Klamotten. Genaueres Hinhören ist unterhaltsam, fast noch besser als Hinschauen: Die Franken haben offenbar einen wirklich schrägen Humor. Der Bräutigam des ersten Hochzeitspaars schaut fragend in die Runde: »Bin ich echt der einzige, der noch nüchtern ist?« Flotten Schritts verlässt die Braut des nächsten Paares das Standesamt. Draußen dreht sie sich mit suchendem Blick mehrmals um die eigene Achse: »Woooooo ist eigentlich mein Mann?« schallt es über den Platz. Leise Antwort aus dem Kreis der Hochzeitsgäste: »… schon geflüchtet…« (Schweigen. Anscheinend traute sich keiner, zu lachen.) Das dritte Brautpaar schlendert eng umschlungen…

  • Die leeren Dörfer Brandenburgs

    Oktober 2015, unterwegs von Leipzig nach Berlin. Die Autobahn ist nach einem schweren Unfall gesperrt, deswegen bin ich hinter Niemegk abgebogen auf die Landstraße. Herbst in Brandenburg, das Wetter passt – unter einem tiefblauen, wolkenlosen Himmel glüht das Laub der Bäume in allen Schattierungen von Feuer. Die Farben der Landschaft und Orte wirken wie aus einer anderen Welt, erinnern an die Beschreibungen Theodor Fontanes. Kopfsteinpflaster aus grobem Blaubasalt, »Katzenköpfe«, macht die Fahrt zu einer reifenrumpelnden Angelegenheit. Entlang der Strecke lassen die Dörfer und Städtchen Kindheitserinnerungen wach werden: Lattenzäune »mit Zwischenraum hindurchzuschaun«, so hätte Morgenstern sie beschrieben. Mal frisch gestrichen, mal windschief und verwittert,…

  • Und Mozart kugelt sich….

    Einer der feinsten Plätze zum Sinnieren ist das Salzburger Café Tomaselli am Alten Markt. Mittlerweile in der fünften Generation Familienbetrieb, ist das ehrwürdige Haus trotz der vielen Touristen ein bemerkenswert unterhaltsamer Ort. Auf charmante Weise der Zeit entrückt, wie ein Eingangstor zu einer anderen Welt: Nonchalante Herren im schwarzen Kellnerfrack nehmen mit würdevoller Miene auch die absurdesten Bestellungen der Gäste entgegen. Werden respektvoll mit »Herr Ober« oder auch mit Namen angesprochen. Ebenso wenig wie sich die Stammgäste den Befrackten gegenüber jemals im Ton vergreifen und unhöflich würden, geraten die Fliegen des schwarzbefrackten Geschwaders außer Façon. Dessen Gesichtszüge lassen niemals auch nur den Hauch einer persönlichen…

  • Waldmorgenwelt, Frühling

    Morgenwald, Frühling - ©HeikeRost.com 4.5.2015 - Alle Rechte vorbehalten.

    Ganz früh unterwegs: Das Licht wechselt von grau zu sanfter Farbigkeit. Die Waldmorgenwelt ist ein großer Gesang aus Vogelstimmen, Blattwispern und Regen, der von den Blättern tropft. Niemand außer mir ist unterwegs, kein Schritt stört die Sanftheit dieses beginnenden Tages. Trittsiegel im morastigen Boden verraten die Anwesenheit anderer Waldbewohner: Zierliche, paarige Abdrücke in unterschiedlicher Größe, vor kurzem waren hier Rehe mit Jungtieren unterwegs. Ein wenig gröbere Spuren signalisieren, dass die Stippvisite der Wildschweinrotte schon eine Weile zurückliegt. Ihr charakteristischer Geruch ist nur noch schwach zu spüren; es wäre keine Begegnung, die ich so früh am Morgen zu schätzen wüsste. Mit Frischlingen im Schlepptau…

  • Unterwegsgeschichten: Kaffeeträume

    Unterwegs entdecke ich gerne Cafés; am liebsten diejenigen, die ein wenig aus der Zeit gefallen wirken: Charmante Orte, die ebenso zum Innehalten und Verweilen einladen wie zum Plaudern mit Menschen am Nachbartisch. Plätze, die zu Beobachtung, zum Lesen oder Schreiben inspirieren. Und immer wieder erinnern mich solche Cafés an ein wunderbares kleines Geschäft in Mainz, das es schon seit Jahren nicht mehr gibt. An seine hölzerne Eingangstür mit Glasscheiben und blank gegriffenen Messingbeschlägen, die sich knarrend in die duftende Dämmerung öffnete. An die altmodische Türglocke, den Geruch nach Schokolade, ein wenig Karamel und Kaffee. An dunkles Holz an den Wänden und auf dem…