Begegnung

Begegnung mit Menschen

  • Pastis Breton

    Ein hinreißender Ort wäre das alte Generalshaus in der Bretagne gewesen; für einen Krimi, ein Psychodrama oder einen Film mit rabenschwarzem Humor. Damals, als ich dort einen Freund besuchte, verwitterte das Gemäuer hinter hohen alten Hecken still vor sich hin. Die Mauern umwuchert von fast mannshohen Hortensienbüschen aller Farben, deren üppige Blütendolden in der Sonne leuchteten. In einem winzigen Ort im Finisterre gelegen, jenem windumwehten, äußersten Westzipfel der Grande Nation, wo sich nicht einmal mehr Hase und Fuchs Gute Nacht sagen und gelegentlich ein U-Boot im Meer vorbeidümpelt. Vor allem die Küche der Villa war beeindruckend; ihre Ausstattung mit gusseisernen, von jahrzehntelangem Gebrauch…

  • Zbigniew, das Hähnchen

    Oft genug bot sein Name Anlass für Spötteleien: Freundlich „Hähnchen“, unhöflicher schon „Gockel“, ganz und gar unfreundliche Menschen übersetzten »Kurczak« in noch gröberer Weise. Kein freundlicher, sondern ein knurriger Rentner in Neukölln, mit polnischen Wurzeln, das war Zbigniew, kurz nach dem Krieg in Berlin gestrandet, dort hat er neue Wurzeln geschlagen – und ist geblieben, in dem großen alten Haus, das den Krieg fast unbeschadet überlebte, um in den Jahren danach langsam vor sich hin zu rotten. Das »Hähnchen« war dort Hausmeister, mit bulliger Statur, meist schlecht gelaunt und immer übersprudelnd von Geschichten: Aus dem Krieg, von seiner Zeit als Jagdflieger, dem Leben…

  • Die fidelen Fräuleins von Freiburg

    Es ist Jahre her, dass ich die beiden Damen kennen lernen durfte: Johanna und ihre Zwillingsschwester Ruth, Freundinnen meiner preußischen Großmutter. Belesen, klug, lebenserfahren, voller Heiterkeit und Weisheit alle beide. Nach Jugend- und Kriegsjahren in Berlin verschlug es sie ins Süddeutsche. Nach Freiburg, in die Stadt mit dem Münster, von dessen Turm man bei schönem Wetter einen grandiosen Rundblick hat, vom Schwarzwald auf der einen Seite, übers Rheintal bis zu den Vogesen auf der anderen Seite. Manches Mal habe ich sie dort besucht, in der Altbauwohnung mit den hohen, lichten Räumen. Eine überaus fidele Wohngemeinschaft zweier älterer Damen mit liebenswerten Erinnerungen an die…

  • Taxi Karascho – Russendisko auf vier Rädern

    Jurij schob seine abgewetzte Kappe tiefer ins Gesicht. „Oleg…,“ nuschelte er dann bedächtig, „Oleg, das ist ein anderes Kapitel.“ Jurijs bester Freund verdient seine Brötchen damit, dass er Berlin-Besucher im Taxi durch die Stadt fährt. Oft auf kurzen Strecken, von den Bahnhöfen zu Hotels, von dort zum Flughafen. Manchmal und immer öfter kutschiert er Touristen länger herum, gelegentlich sogar den ganzen Tag. Er kennt sich aus, mit Schuhläden, Nobelrestaurants und bei Bedarf auch mit zweifelhaften Spelunken. Und wenn Oleg erzählt, ist er nicht nur jeden Euro des ausgehandelten Fahrpreises wert. Es hört sich an, als wäre seine Stimme irgendwo zwischen Wodka, Papyrossi und…