Willkommen in Absurdistan (01)

Absonderliche Funde in Werbebeilagen, eine kleine Aufzählung: Unter den Bezeichnungen »Schlemmertopf« oder »Bauerntopf« wird Hundefutter verkauft. Für Katzen gibt’s Vergleichbares, das heißt dann »Gourmettöpfchen« oder »Paté mit feiner Sauce« aus wechselnden Grundstoffen, das die verzückt lächelnden Besitzer*in auf feinen Schälchen, mit geschlossenen Augen schnuppernd und mit Kräuterzweiglein garniert servieren. Dem verwöhnten Viehzeug halt.

 

Nebenan im Kühlregal finden straff durchgetaktete Zeitgenoss*innen Rosmarinkartoffeln. Vegan, klimaneutral, immerhin, ganz arg lecker angeblich, mit grüner Ernährungsampel und in Plastik verpackt. Frisch vorgegart, Zubereitungszeit in Mikrowelle oder Pfanne nur wenige Minuten. »Mehr Zeit für Genuß!« wirbt die Aufschrift für das Zeugs: 2,99€ für 250 g Fertigkartoffeln sind ein teures Vergnügen. Pro-Tipp: Man nehme ein tiefes Backblech, kleine Kartöffelchen wie Drillinge (schälen entfällt!), Rosmarinzweige drunter, Rosmarinblättchen drüber, zerdrückte Knoblauchzehen dazu, ein wenig Salz, frisch gemahlenen Pfeffer und Olivenöl drauf, ab in den Backofen. Zubereitungszeit 5 Minuten, Ofenzeit ca. 30 Minuten bei 200 Grad Umluft. (Service, bitteschön, gern geschehen.)

 

International wird es dann um die Ecke, mit Fertiggerichten aus dem Glas, Asia-Style, indisch, rustikale Eintöpfe; Convenience Food Fans sind weltgewandte Genussmenschen, die möchten einfach nur noch Deckel abschrauben, Gläser in die Mikrowelle packen, fertig ist das leckere Abendessen. (Igitt, wohl bekomm’s.) Asiatische Küche do it yourself aus dem Wok dauert auch nicht viel länger, ist gesünder, manches – wie geschnippeltes Gemüse – lässt sich vorbereiten, kann lecker mariniert werden und im Kühlschrank problemlos aufbewahrt werden.

 

Apropos Kühlschrank: Dafür gibt’s dann kurz vor der Kasse »Geruchsneutralisierer«. Chemiecocktails in reichlich Plastik, die Abhilfe für Vermeidbares schaffen sollen. Gab es alles schon, das ist irgendwie Rückschritt in andere Zeiten, zu denen Körperhygiene wie Baden etc. als gefährlich betrachtet und lieber Parfum, Puder und Duftzeugs aller Art über anrüchig Riechendes gesprüht und gestäubt wurde. Mein Kühlschrank müffelt übrigens lediglich, wenn dort wieder einmal ein Käse der Sorte »tropft vom Löffel« alias reifer Münster gelagert wurde: Solche Nahrungsmittel trotzen leider allen Verpackungen und wiederverwendbaren Aufbewahrungsdosen. In dankbarem Gedenken an meine preußische Großmutter hilft ein Schälchen mit wahlweise Natron, Kaffeepulver oder einer Zitronenschale. Ebenso wie regelmäßiges Aufräumen und Putzen des Kühlschranks übrigens. (Service, bitteschön, gern geschehen.)

 

Für die wohlstandsverwöhnte Kackbratze das wohlerzogene, kultivierte Kind aus guter Familie gibt es dann online auch gleich noch passendes Ausbildungszubehör: Eine Spielküche aus Holz, angemessen ausgestattet mit Dunstabzugshaube, integrierter Mikrowelle, Cerankochfeld und einem Kühlschrank mit Eiswürfelmaschine. Immerhin steht kein rosa gekleidetes Mädchen, sondern ein kleiner Junge mit Schürze davor. Merke: Ein Leben ohne Eiswürfelmaschine ist sinnlos.

 

Eigentlich gehört in diese Aufzählung der Absurditäten noch das Foto eines Bücherregals mit Büchern einer Aufräumpäpstin, die ihren geneigten Lesern Ordnung halten näher bringt – mit Hinweisen, das Berühren der Dinge müsse schließlich glücklich machen. Zahlreiche Tipps zum Falten von Schlüppis, Socken, T-Shirts gibt die Dame auch, notfalls mithilfe von »Faltbrettern« aus Plastik für diejenigen, deren Haptik nicht einmal mehr zum Zusammenlegen von Pullovern reicht. »Hey, Du kippst Deine gewaschenen Klamotten nicht einfach so in den Kleiderschrank?« ätzte eine liebe Freundin. Nach einem längeren, launigen Telefonat überlegen wir jetzt, uns den Kleiderschrank mit den Einschüben für komplette Wäschekörbe patentieren zu lassen. Das könnte ein Bestseller werden!

 

Einsichten, Ansichten, Aussichten: Wo solche Produkte angeboten, nachgefragt und gekauft werden, ist von zunehmender Verdummung der Menschheit auszugehen. Dagegen hilft dann vermutlich nicht mal, sich mit Alleskleber auf Autobahnen und Durchgangsstraßen festzukleben, um gegen Verschwendung und Lebensmittelvernichtung zu protestieren.

 

Nachtrag: Eine Empfehlung für ein Buch, 2006 erschien »Sterneküche – Rezepte für 5 Euro von Deutschlands besten Köchen« . Herausgegeben vom Verein Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. und dort für 14,90€ bestellbar, vom Erlös bei direkter Bestellung gehen 8,90 € direkt an den Verein.

2 Comments

  • Paul Hahn

    Jaaaa, genau DAS ist das wahre, wohlstandsverwöhnte Leben heute. Jahrelang gings mir auch so. Leider. Geschuldet dem spannenden Berufsleben und dem zu kurz kommenden Privatleben. Erst im letzten Lebensabschnitt erfolgt glücklicherweise die Genesung. Zurück zur Natur. Danke für deine treffliche Erinnerung und den guten Tipp im letzten Absatz.

  • Ehrmann Sigrid

    Sehr schön die: „wohlstandsverwöhnte Kackbratze das wohlerzogene, kultivierte Kind aus guter Familie “ auf den Punkt gebracht 😉